Der deutsche Leitindex DAX gilt als Spiegelbild für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. In unserer Rubrik „Wissen“ stellen wir Ihnen jen 30 Konzerne vor, deren Wertpapiere aktuell im DAX vertrete sind. Heute: SAP

Im derzeitigen Börsenumfeld sind gute Nachrichten rar gesät. Der Walldorfer Softwarekonzern SAP verkündete gestern die Unterzeichnung eines neuen Großauftrags: Die Bundesagentur für Arbeit, Deutschlands größte Behörde, wird ihr Personal- und Finanzwesen künftig mit SAP-Software betreiben. SAP soll nicht nur die neue Software liefern, sondern auch für deren Einführung in den kommenden Jahren verant wortlich sein. Über den finanziellen Umfang des Geschäftes machte SAP keine Angaben. Erst in der vergangenen Woche hatte das Handelsblatt berichtet, dass der Konzern von der Uno den Zuschlag erhalten habe und die Vereinten Nationen künftig mit einer neuen Managementsoftware ausstatten werden. Auftragsvolumen laut Handelblatt: bis zu 300 Millionen Dollar.

Solche Nachrichten sind Balsam auf die zuletzt geschundene Konzernseele. Als nach eigenen Angaben weltweit größter Anbieter von Softwarelösungen für Unternehmenhat SAP die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich zu spüren bekommen. In harten wirtschaftlichen Zeiten verschieben Unternehmen alle Investitionen, die nicht zwin gend notwendig sind, zum Beispiel Investitionen in die IT-Infrastruktur. „Die Entwicklung der Finanzmärkte in den letzten Wochen ist für viele Unternehmen dramatisch und beunruhigend“, sagte Vorstandssprecher Hennig Kagermann im vergangenen Oktober. „Diese Sorgen führten zu einem sehr abrupten und unerwarteten Abschwung unseres Geschäftes.“

Eine Prognose für das gesamte Geschäftsjahr 2008 will der Konzern „aufgrund des unsicheren wirtschaftlichen Umfeldes“ nicht mehr abgeben, auf konkrete Zahlen muss die Öffentlichkeit noch bis zum 28. Januar 2009 warten. Noch Ende Juli war SAP für 2008 von einem Wachstum der Software- und softwarebezogenen Servicelösungen währungsbereinigt zwischen 24 und 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr ausgegangen. Betrachtet man nur die ersten drei Quartale, dann geht diese Vorhersage durchaus noch auf. Doch im dritten Quartal änderte sich die Lage offenbar schlagartig: Von Juli bis September stiegen die- se Erlöse bei SAP im Vergleich zum Vorjahr für den Konzern unerwartet nur noch um 22 Prozent.

Dies sei immer noch ein gutes Ergebnis, wie Kagermann meint, schließlich sei das 3. Quartal 2008 nun bereits das 19. Quartal in Folge mit zweistelligen Wachstumsraten in diesem Bereich gewesen. Und dennoch läuten bei SAP seither die Alarmglocken. Kostensenkung heißt das Rezept, mit dem die Konzernspitze der Umsatzentwicklung begegnet und die Margen- und Gewinnsituation verbessern will. Dienstreisen, so war zu lesen, würden in ihrem Umfang auf das nötigste beschränkt, auslaufende Arbeitsverträge nicht verlängert und neue Stellen vorerst nicht besetzt. In den ersten neuen Monaten 2008 hatte SAP – Firmenübernahmen unberücksichtigt – noch rund 1500 neue Vollzeitstellen geschaffen, fast 850 davon in der Geschäftsregion Europa, Naher Osten und Afrika.

SAP ist das deutsche Vorzeigeunternehmen im IT-Sekor. Gegründet wurde SAP als „SAP Systemanalyse und Programmentwicklung“ 1972 in der Rechtsform des bürgerlichen Rechts, erst später folgte die Umwandlung zur GmbH und 1988 zu AG. Das erste Büro befand sich in Mannheim. Die fünf Gründer – allesamt ehemalige IBM-Mitarbeiter – hatten die Vision, Standard-Anwendungssoftware zu entwickeln, mit der Unternehmen in Echtzeit einen Überblick über Geschäfts- prozesse erhalten können. Was mit Software für die Finanzbuchhaltung begann, wuchs schnell zu einem System, das verschiedene Anwendungen umfasste – vom Einkauf über die Bestandsführung bis hin zur Rechnungsprüfung – und sämtliche Geschäftsbereiche integrierte, zum Beispiel die Daten der Materialwirtschaft.

Mehr als 75.000 Bestandskunden in mehr als 120 Ländern zählt SAP heute. Die Produktpalette reicht von kompakten Softwarelösungen auch für kleinere Unternehmen über Online-Mietsoftware bis hin zu Software, mit der Großkonzerne zum Beispiel ihr Kundenmanagement optimieren. Die stärksten Wachstumsraten erwartet der Konzern im mittleren Marktsegment, da „mittelständische Unternehmen gerade erst beginnen, den betriebswirtschaftlichen Nutzen von Echtzeit-Unternehmenssoftware zu erkennen“, wie es in einem Informationsblatt für Investoren des Unternehmens heißt.

Doch ausgerechnet einige mittelständische Kunden sorgten im ver- gangenen Jahr für Schlagzeilen – lagen sie doch zeitweise im Clinch mit SAP, nachdem die Walldorfer Standard-Wartungsverträge offenbar gekündigt und ihnen das für Neukunden verpflichtende und teurere Servicemodell „Enterprise Suport“ angeboten hatten. Über eine eigens eingerichtete Internetseite (www.kein-es.de) haben fast 100 Firmen ihren Protest organisiert. Im Dezember hatte SAP nach Presseberichten eingelenkt und die Weiterführung der Standardwartung angekündigt.

Die SAP-Aktie wird seit 1995 im deutschen Aktienindex DAX geführt. Auch an ihrem Kursverlauf lassen sich die Folgen der Wirtschaftskrise ablesen. Der Kurs brach im September/Oktober 2008 binnen weniger Tage von mehr als 39 Euro (26.09.) auf knapp 25 Euro (10.10.) ein. Derzeit notiert das Papier bei 26,42 Euro (Stand bei Redaktionsschluss). Die guten Nachrichten der vergangenen Tage sind an der Börse bisher offenbar vergleichsweise verhalten aufgenommen worden.

Aktuelle Analystenmeinungen zur SAP-Aktie finden Sie beim Börseninformationsdienst ARIVA.DE (hier klicken, um direkt zur Seite zu gelangen).



Eike Schäfer, 20.01.09 Dieser Artikel wurde 2912mal gelesen.