Der deutsche Leitindex DAX gilt als Spiegelbild für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. In unserer Rubrik „Wissen“ stellen wir Ihnen jene 30 Konzerne vor, deren Wertpapiere aktuell im DAX vertreten sind. Heute: Siemens

Bei Siemens ticken die Uhren anders. Während viele andere börsennotierte Unternehmen derzeit ihre Bilanzzahlen für 2008 präsentieren, ist beim DAX-Schwergewicht aus München bereits das erste Quartal des Geschäftsjahres 2009 gelaufen. Der Grund: Bei Siemens begann das Geschäftsjahr 2009 nicht mit dem Kalenderjahr, sondern bereits im Oktober 2008.

Wenn die restlichen drei Quartale das halten, was das erste verspricht, dann sollte bei Siemens zumindest bis Ende 2009 noch alles im Lot sein. Der operative Gewinn im Kerngeschäft kletterte im ersten Quartal um 20 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum auf rund zwei Milliarden Euro und damit stärker als von Analysten erwartet. Für das gesamte Geschäftsjahr prognostiziert die Konzernspitze ungeachtet des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes weiterhin ein operatives Ergebnis von acht bis achteinhalb Milliarden Euro vor Steuern. Das Erreichen der Gewinnziele sei heute allerdings noch ambitionierter geworden, meint der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher. „Wir werden uns das jedes Quartal sehr genau ansehen.“

Gute Gründe für Vorsicht gibt es genug. Die Wirtschaftskrise traf in den vergangenen Monaten offenbar vor allem die Industriesparte des Unternehmens. Von den drei Kernsektoren Industrie, Energie und Gesundheit lieferte der Sektor Industrie zwar insgesamt das höchste Quartalsergebnis. Dieses lag jedoch um neun Prozent unterhalb des Vorjahreswertes. So musste Siemens einen Rückgang der Profitabilität etwa bei der Automatisierungstechnik feststellen. Gründe: ein gesunkener Umsatz und ein „ungünstiger Produktmix“. Auch der Ergebnisbeitrag von Leuchtmittelhersteller Osram war rückläufig. Große Sorgen bereitet darüber hinaus ein zweistelliger Rückgang bei den Auftragseingängen.

Zumindest auf den ersten Blick steht der Sektor Gesundheit in diesem Punkt besser dar. Allerdings hatte Siemens dort noch unter Führung von Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld Firmen zu aus heutiger Sicht hohen Preisen zugekauft. So verzeichnet die Gesundheitssparte zwar ein Auftragsplus von drei Prozent für das erste Quartal. Allerdings ist darin das neue Volumen aus der Übernahme des Anbieters Dade Behring eingerechnet.

Garant des guten Ergebnisses im ersten Quartal war vor allem der Energiesektor: Alle Divisionen dieses Bereiches verzeichneten höhere Ergebnisbeiträge als in der Vorjahresperiode. Mit 756 Millionen Euro stieg das Sektorergebnis um 118 Prozent. Dieses Wachstum führt der Konzern vor allem auf die Abarbeitung eines großen Auftragspolsters zurück. Bei den Divisionen der Sparte waren „Fossil Power Generation“ und „Renewable Energy“ besonders in den USA umsatzstark, während „Power Transmission“ und Industrial Solutions“ in der Region Asien/ Australien große Umsatzzuwächse erzielten. Allerdings erreichen die Neuaufträge auch in diesem Bereich nicht mehr das Niveau des Vorjahreszeitraums.

Richtig ernst könnte es für Siemens daher im kommenden Jahr werden, wenn sich die Folgen der Auftragsrückgänge in Umsatz und Ertrag niederschlagen. Finanzchef Joe Kaeser hat laut Presseberichten Analysten bereits darauf eingestimmt. Gegensteuern könnte der Konzern mit einem gezielten Kapazitäts- und Stellenabbau. Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatte Siemens verkündet, weltweit 16.750 Arbeitsplätze abzubauen, um Produktivität und Effizienz zu steigern.

Rund 427.000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern rund um den Globus. Siemens ist in mehr als 190 Ländern aktiv. In seinem Heimatland Deutschland sieht sich Siemens gern als Rückgrat der Infrastruktur: Jeder zweite Computertomograph in deutschen Kliniken stammt nach Unternehmensangaben von dem Münchener Unternehmen, mehr als die Hälfte aller deutschen Kraftwerke laufen mit Turbinen und Generatoren des Konzerns, in allen deutschen Post-Verteilzentren ist Siemens-Technik installiert, und auch bei drei von vier in Deutschland hergestellten Autos war bei der Produktion das Know-how des Unternehmens mit im Spiel.

Die Firmengeschichte reicht bis ins Jahr 1847 zurück. Telegraphen, Eisenbahnläutwerke, Drahtisolierungen und Wassermesser waren die ersten Produkte der 1847 in Berlin gegründeten „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. Mit der Entdeckung des elektrodynamischen Prinzips, an der Werner Siemens (ab 1888: Werner von Siemens) maßgeblich beteiligt war, begann das Zeitalter der allgemeinen Elektrifizierung. Der Name Siemens wurde rasch zu einem Inbegriff für Elektrotechnik.

Ein unrühmliches Kapitel der jüngsten Vergangenheit hat der Konzern inzwischen weitgehend abschließen können. Als Folge der Korruptionsaffäre einigte sich Siemens 2008 mit deutschen und US-Behörden auf Zahlung von rund einer Milliarden Euro Bußgeld. Über Schadensersatzansprüche an ehemalige Vorstände wurde bisher nicht entschieden.

Nach Ende des ersten Geschäftsquartals hat Siemens den Ausstieg beim französischen Atom-Joint- Venture Areva bis spätestens zum 30.01.2012 bestätigt. Spekuliert wird nun über eine Zusammenarbeit mit dem russischen Unternehmen Atomenergoprom. Siemens würde sich damit wieder stärker im Kernkraftgeschäft engagieren. Die Siemensaktie notiert derzeit bei 42,28 Euro. Noch Anfang August 2008 war sie für knapp 80 Euro gehandelt worden. Analystenmeinungen zu Siemens finden Sie hier.



Eike Schäfer, 03.02.09 Dieser Artikel wurde 2868mal gelesen.