Der deutsche Leitindex DAX gilt als Spiegelbild für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. In unserer Rubrik „Wissen“ stellen wir Ihnen jene 30 Konzerne vor, deren Wertpapiere aktuell im DAX vertreten sind. Heute: ThyssenKrupp.

So schnell kann sich das Blatt wenden: Noch vor kurzem war die Stahlsparte der Garant ordentlicher Gewinne im traditionsreichen deutschen Mischkonzern ThyssenKrupp. Auch im gerade zurückliegenden Geschäftsjahr 2007/2008 (bis Ende September 2008) lieferte der Bereich Stahl mit einem Gewinn vor Steuern in Höhe von 1540 Millionen Euro den mit Abstand größten Ergebnisbeitrag aller fünf Segmente des Konzerns. Das Ergebnis lag nur vergleichsweise knapp unter jenem aus dem Boomjahr 2006/2007 und übertraf durch eine positive Entwicklung bei hochwertigen Spezialerzeugnissen die Erwartungen der Konzernspitze. Und dennoch ist die Stahlsparte inzwischen das große Sorgenkind: Die Konjunkturflaute trifft gerade dieses Segment hart.

Dramatisch war der Einbruch der Stahlnachfrage Ende 2008. Laut Wirtschaftsvereinigung Stahl sanken die Auftragseingänge auf dem Stahlmarkt in Deutschland um knapp 47 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und damit so stark wie noch niemals zuvor in der Nachkriegsgeschichte. „Der wirtschaftliche Einbruch in der Auto-, Maschinenbau- und Bauindustrie wird auch bei ThyssenKrupp Spuren hinterlassen“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Dr. Ekkehard Schulz, bereits auf der Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens Ende November.

Die in der vergangenen Woche von ThyssenKrupp vorgelegten Zahlen für das erste Quartal des aktuellen Geschäftsjahres bestätigen dies. Das Vorsteuerergebnis schrumpfte von 646 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf 240 Millionen Euro zusammen – auch bedingt durch Wertberichtigungen auf das Vorratsvermögen. Der Auftragseingang ging „nur moderat“ um drei Prozent zurück. Der Konzern hatte offenbar Schlimmeres erwartet. Als weitgehend robust gegen die Wirtschaftsflaute haben sich im ersten Quartal die Sparten Industriegüter, Aufzüge und Dienstleistungen erwiesen, letztere verzeichnete sogar ein Rekordquartal.

Konzernchef Schulz hatte die Aktionäre und Analysten bereits auf einen deutlichen Umsatzrückgang für das laufende Geschäftsjahr eingestimmt. Er bleibt weiter dabei, dass eine konkrete Prognose aufgrund der Unsicherheiten auf den Finanz- und Gütermärkten derzeit nicht möglich sei.

Wenn die Konjunktur so dramatisch einbricht, dann reagieren Großunternehmen in einer vorhersehbaren Weise, um nicht auf Halde zu produzieren und Kosten zu senken. Oftmals trennen sie sich zunächst von den Leiharbeitern, dann folgen Überstundenabbau und Reduzierung von Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter, am Ende drohen Einschnitte auch beim Personal.

ThyssenKrupp hat im Stahlbereich und in der Edelstahlsparte Nirosta Kurzarbeit eingeführt und laut Presseberichten betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen. Außerdem stünden geplante Investitionen erneut auf dem Prüfstand.

Dass die Kosten für ein neues Stahlwerk in Brasilien mit 4,5 Milliarden Euro und damit offenbar deutlich höher beziffert werden als ursprünglich geplant, macht die Situation nicht einfacher. Doch Vorstandschef Schulz sieht seinen Konzern gegenüber anderen im Vorteil. „Der hohe Anteil an Langfristkontrakten sowie die Ausrichtung auf zahlreiche Premiumsegmente spiegelt sich in einer, im Vergleich zum Wettbewerb, wesentlich stabileren Erlösentwicklung wider. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit, den Brammenzukauf der Nachfrage anzupassen. So können wir darauf verzichten, die fixkostenintensiven Hochöfen und Stahlwerke herunterzufahren“, sagte er im November.

ThyssenKrupp ist Deutschlands größter Stahlproduzent. Weitere Tätigkeitsschwerpunkte des Unternehmens sind Industriegüter und Dienstleitungen. Der Konzern beschäftigt derzeit knapp 200.000 Mitarbeiter und ist in rund 80 Ländern weltweit aktiv.

Entstanden ist die ThyssenKrupp AG vor zehn Jahren durch Zusammenschluss der Thyssen AG mit der Fried. Krupp AG Hoesch-Krupp. Die historischen Wurzeln beider Unternehmen spiegeln die Geschichte der rheinisch-westfälischen Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie wider, so dass ThyssenKrupp auf eine Vielzahl an Vorgängerunternehmen zurückblicken kann. Nachdem eine ehemals geplante feindliche Übernahme des größeren Thyssen- Konzerns durch Krupp gescheitert war, legten die beiden Konzerne bereits 1997 ihre Flachstahlbereiche in der Thyssen Krupp Stahl AG zusammen. Als die Vorstände dann weitere strategische Chancen und Synergiepotenziale einer Gesamtfusion ausgemacht hatten, folgte der große Zusammenschluss zwei Jahre später. ThyssenKrupp ist direkt oder indirekt an mehr als 800 Unternehmen beteiligt. Zwei Dritttel der 2700 Produktionsstätten, Büros und Servicestützpunkte liegen außerhalb Deutschlands.

Die ThyssenKrupp-Aktie erreichte noch im Mai vergangenen Jahres einen historischen Höchststand von 46,63 Euro. Dann allerdings kam der Kurssturz in der zweiten Jahreshälfte 2008. Im November war das Papier zwischenzeitlich für weniger als zwölf Euro zu haben.

Die Marktteilnehmer an der Börse reagierten vergangene Woche positiv auf die jüngsten Quartalszahlen: Der Kurs stieg nach Bekanntgabe zwischenzeitlich um mehr als vier Prozent. Aktuell notiert die Aktie bei 18,24 Euro.

Generell gelten Aktien der Stahlbranche als Frühzykliker, also als Wertpapiere, deren Kurs vergleichsweise schnell auf einen Konjunkturaufschwung- oder –abschwung reagiert. So lässt sich erklären, warum die Aktie von ThyssenKrupp stärker als etwa der DAX von der aktuellen Unsicherheit hinsichtlich der Auswirkungen der Finanzmarktkrise betroffen scheint. Aktuelle Analystenmeinungen zur Aktie von ThyssenKrupp finden Sie hier.



Eike Schäfer, 17.02.09 Dieser Artikel wurde 2945mal gelesen.