Der deutsche Leitindex DAX gilt als Spiegelbild für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. In unserer Rubrik „Wissen“ stellen wir Ihnen jene 30 Konzerne vor, deren Wertpapiere aktuell im DAX vertreten sind. Heute: Salzgitter AG

Wenn in der Automobilindustrie die Bänder still stehen, trifft das die unternehmenseigenen Fachkräfte und Leiharbeiter, aber auch Zulieferer und Rohstoffproduzenten. Wenn also fast alle Autohersteller wie derzeit aufgrund der Wirtschaftskrise und des dramatischen Konjunktureinbruchs ihre Produktion drosseln, sind die Folgen in einer ganzen Reihe andere Branchen zu spüren. Zum Beispiel in der Stahlindustrie.

Die Direktlieferungen der Stahlwerke an den Straßenfahrzeugbau machen derzeit laut Wirtschaftsvereinigung Stahl (WV Stahl) etwa 15 Prozent aus, einschließlich der Indirektlieferungen aus dem Bereich Stahlumformung und Metallwaren wird sogar rund ein Drittel des in Deutschland produzierten Stahls im Straßenfahrzeugbau verwendet. Kein Wunder also, dass die Stahlkonzerne für die kommenden Monate heftige Dämpfer für ihr Geschäft erwarten. So auch die Salzgitter AG, deren Aktie erst vor wenigen Tagen mit der Aufnahme in den DAX in die Beletage der börsennotierten deutschen Wertpapiere aufgestiegen ist (ZertifikateAnleger 25/2008).

„In den nächste Monaten werden besonders die indirekten Auswirkungen der Finanzkrise die ohnehin zum Jahresende üblichen saisonalen Effekte im Orderzulauf des Unternehmensbereichs Stahl verstärken“, schreibt das Unternehmen in seinem jüngsten Zwischenbericht zu den 9- Monatszahlen. Die Salzgitter AG reagiert wie die Konkurrenten auf die ausbleibenden Aufträge nicht nur von den Autobauern mit Produktionskürzungen. So haben die Stahlunternehmen in Deutschland im November 2008 mit 3,28 Millionen Tonnen Rohstahl 18,5 Prozent weniger produziert als im Vorjahresmonat. Das entspricht in etwa dem weltweiten Produktionsrückgang.

Laut World Steel Association haben auch die Stahlwerke in China die Produktion gedrosselt, allerdings längst nicht Umfang anderer Produzenten. Das Handelsblatt zitierte erst in der vergangene Woche Experten, die durch den Zufluss von billigem chinesischem Stahl in Europa einen deutlichen Druck auf die Preise erwarten. Auch die Situation auf den Rohstoffmärkten ist für die Branche hierzulande schwierig. „In den vergangenen Jahren, vor allem aber in den ersten Monaten von 2008, haben sich die Preise aller Einsatzstoffe und Leistungen, die zur Stahlerzeugung benötigt werden, dramatisch erhöht“, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der WV Stahl. Viele Stahlproduzenten sähen sich im Rohstoffbereich überwiegend oligopolistischen Anbieterstrukturen gegenüber.

Die Salzgitter AG zählt mit einer Produktion von mehr als sieben Millionen Tonnen Rohstahl zu den führenden Stahltechnologie-Konzernen Europas und ist zweitgrößter deutscher Stahlhersteller. Stahl ist jedoch nicht gleich Stahl: Als Stahl werden metallische Legierungen bezeichnet, deren Hauptbestandteil Eisen ist und deren Kohlenstoffgehalt geringer ist als 2,06 Prozent. Mehr als 200 Stahlsorten sind bekannt, nicht wenige davon sind erst vor wenigen Jahren entwickelt worden.

Die Salzgitter AG setzt vor allem auf Spezialprodukte wie Flachstähle oder nahtlose Edelstahlrohre. Erst Ende 2007 hat die Salzgitter AG ein 11-Millionen-Euro teures Technikum eröffnet, das den Kernbereich der Konzerntochter Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH bildet. Darin sollen neue Stähle schneller entwickelt und Prozesse optimiert werden. „Forschung und Entwicklung bilden für unseren Konzern eine wesentliche Basis, für die Gesamtstrategie als erfolgreicher Nischenplayer zu agieren“, sagte Dr. Wolfgang Leese, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG.

Neben den Unternehmensteilen Stahl und Röhren gliedert sich der Konzern in die Bereiche Handel, Dienstleistungen und Technologie. Zu letzterem gehört unter anderem die börsennotierte Klöckner-Werke AG als Industrieholding.

In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres konnte die Salz-gitter AG noch ein Rekordergebnis verbuchen. Das Ergebnis vor Steuern stieg um rund 3,4 Prozent auf 1,01 Milliarden Euro. Dabei konnte der Unternehmensbereich Stahl das laut Konzern „hervorragende“ Resultat des Vergleichszeitraums nicht erreichen. Das Ergebnis sank hier um 8,6 Prozent, was vor allem durch ein deutliches Plus im Bereich Handel kompensiert wurde. Für das Geschäftsjahr 2008 bestätigte die Salzgitter AG im November ihre Prognose, einen operativen Gewinn vor Steuern in Höhe von nahezu 1,2 Milliarden Euro zu erwirtschaften – unter der Voraussetzung, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht noch wesentlich verschlechtern.

Erst, wenn die Geschäftszahlen für die ersten Monate des Jahres 2009 auf dem Tisch liegen, wird sich zeigen, wie stark die Salzgitter AG von der weltweiten konjunkturellen Krise betroffen sein wird. Die Verschuldung des Konzerns gilt als vergleichsweise gering, die Liquidität als relativ hoch. Zwar haben Analysten der schweizerischen Bank UBS bereits im Dezember das Kursziel der Salzgitter-Aktie von 80 auf 70 Euro zurückgesetzt. Dennoch stufen sie die Aktie weiter mit „kaufen“ ein, ebenso wie etwa die Experten der Credit Suisse, die das Kursziel weiter bei 124 Euro sehen.

Der Kursverlauf der Salzgitter- Aktie war in 2008 äußerst turbulent: Nach Kursen von mehr als 140 Euro je Aktie noch im Mai sank der Wert des Papiers zum Jahresende zeitweise auf weniger als 40 Euro. Derzeit kostet das Papier 57,94 Euro.



Eike Schäfer, 06.01.09 Dieser Artikel wurde 3055mal gelesen.