Der deutsche Leitindex DAX gilt als Spiegelbild für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. In unserer Rubrik „Wissen“ stellen wir Ihnen jene 30 Konzerne vor, deren Wertpapiere aktuell im DAX vertreten sind. Heute: RWE.

Wenn es nach den Plänen der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke AG (RWE) geht, dann verbindet schon bald eine „Klimaschutzpipeline“ das Kölner Umland mit der Norddeutschen Tiefebene. Quer durch Nordhein-Westfalen und Niedersachsen will der Energieversorger dann das Treibhausgas CO2 transportieren, um es in „dafür besonders geeigneten geologischen Gesteinsschichten“ einzulagern. Potenzielle Speicherstätten müssen zwar noch gefunden und überdies Genehmigungen für die Lagerung aus Schleswig-Holstein eingeholt werden. Die Entscheidung, ein neues Braunkohlekraftwerk in Hürth im Rhein-Erft-Kreis zu errichten, hat RWE aber bereits getroffen. Eine Bruttoleistung von 450 Megawatt soll es bieten, bis Ende 2014 in Betrieb gehen und umweltfreundlich sein: 90 Prozent des im Kraftwerksprozess entstehenden CO2 sollen statt in die Atmosphäre in unterirdische Hohlräume gelangen.

Kohlendioxid ist für RWE ein schwer wiegendes Problem. Strom und Gas sind die beiden Hauptprodukte, und bei der Stromerzeugung ist das Unternehmen bisher relativ stark auf Braun- und Steinkohle angewiesen. Die Rahmenbedingungen für den Ausstoß von CO2 haben sich dabei für den Konzern mit Beginn des abgelaufenen Jahres verschlechtert, da zum 1. Januar 2008 die zweite Periode im europäischen Handel mit CO2-Emissionsrechten begonnen hat und die staatlichen Zuteilungen erheblich gekürzt wurden. Folge: Wer viel CO2 produziert, muss Emissionsrechte dazukaufen. Das gilt auch für RWE.

Kein Wunder also, dass Vorstandsvorsitzender Jürgen Großmann offenbar nichts gegen einen Ausbau der Atomkraft hätte. In Deutschland derzeit politisch nicht durchsetzbar, könnte RWE in Osteuropa solche Pläne dagegen verwirklichen. Die nationale bulgarische Elektrizitätsgesellschaft NEK hat RWE bereits eine 49-prozentige Beteiligung am Bau eines Kernkraftwerkes in Belene angeboten. Doch dieses Angebot birgt Konfliktpotenzial: Nach Berichten des Handelsblatts sind mehrere Aufsichtsratsmitglieder gegen das Projekt. Auch gäbe es einen Vorschlag, die Freiräume des Vorstandsvorsitzenden einzuschränken und die Geschäftsordnung so zu ändern, dass die Unternehmensplanung künftig der Zustimmung des Aufsichtsrats bedarf. Die Abstimmung über eine solche Klausel sei jedoch kurzfristig verschoben worden, berichtete das Handelsblatt vor wenigen Tagen.

RWE ist hinter der E.ON-Unternehmensgruppe der zweitgrößten Versorger Deutschlands. Gegründet vor 110 Jahren durch die Elektrizitäts-AG vormals W. Lahmeyer & Co und die Deutsche Gesellschaft für elektrische Unternehmungen fing mit der Stromversorgung der Stadt Essen alles an. Zwei Jahre später floss der erste Strom durch das frisch verlegte Kabelnetz an die innerstädtischen Verbraucher. Aus noch nicht einmal 1.000 Strom-Abnehmern zu Beginn wurden bis heute rund 45 Millionen Strom-, Gas- und auch Wasserkunden in zehn europäischen Ländern.

Aus dem Wassergeschäft in Großbritannien und den USA steigt RWE inzwischen wieder aus. Das Konzept eines global agierenden Wasser-Players habe sich in der Praxis nicht bewährt, heißt es von Unternehmensseite. Skalen und Synergieeffekte seien nicht global, sondern nur regional umsetzbar. „Unser Werttreiber Nr. 1 ist das Energiegeschäft.“ Nach der Veräußerung von Thames Water hat RWE im April dieses Jahres 58 Millionen Aktien von American Water an der Börse in New York platziert, eine vollständige Veräußerung wird angestrebt.

Auch wenn sich das wirtschaftliche Umfeld im vergangenen Jahr drastisch verschlechtert hat: RWE ist gut aufgestellt, der Konzern hat mit einem Refinanzierungsbedarf von 1,2 Milliarden Euro bis Ende 2011 nahezu keine Nettofinanzschulden. „Wir agieren in vergleichsweise stabilen Märkten und sind solide finanziert“, sagt Großmann. In den vergangenen Jahren habe sich das Unternehmen auf organisches Wachstum konzentriert und teure Unternehmenskäufe vermieden. Damit sei RWE heute in einer guten Ausgangsposition, die Preise für Kraftwerkskomponenten, Projekte und Beteiligungen würden sinken.

Trotz der drohenden Rezession hat Großmann den Ausblick für das Geschäftsjahr 2008, beim Konzernergebnis mindestens das Vorjahresniveau zu erreichen, bestätigt. RWE konnte in den ersten neun Monaten dieses Jahres den Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 14 Prozent auf 34,4 Milliarden Euro steigern. Das betriebliche Ergebnis stieg um mehr als fünf Prozent, vor allem durch ein kräftiges Plus bei der Kraftwerksparte RWE Power. Den Rückgang der Kundenzahl konnte RWE im dritten Quartal stoppen.

Die Aktie von RWE notiert heute mit 61,81 Euro bei rund 66 Prozent ihres Wertes von vor einem Jahr. Damit hat sie sich besser gehalten als der deutsche Aktienindex DAX, der innerhalb desselben Zeitraumes rund 40 Prozent an Wert einbüßte. Zahlreiche Analysten stuften das Papier zuletzt mit „halten“ oder „kaufen“ ein. Eine Übersicht aktueller Analystenmeinungen finden Sie auf den Profilseiten der RWE-Aktie unter www.ariva.de (oder hier klicken).



Eike Schäfer, 23.12.08 Dieser Artikel wurde 2915mal gelesen.