Der DAX gilt als Spiegelbild für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. In unserer Rubrik „Wissen“ stellen wir Ihnen jene 30 Konzerne vor, deren Wertpapiere aktuell im deutschen Leitindex vertreten sind. Heute: Hannover Rück

Wilhelm Zeller bringt es auf den Punkt: „Für uns ist die Finanzmarktkrise Fluch uns Segen zugleich“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Rückversicherers Hannover Rück. So hat der dramatische Kursverfall an den Aktienmärkten dem Unternehmen 2008 einerseits kräftig das Ergebnis vermiest, weil eigene Kapitalanlagen massiv an Wert verloren haben. Andererseits profitiert der Konzern nun davon, dass die Nachfrage nach Rückversicherungen anzieht. In vielen Märkten konnten demnach bereits Ratenerhöhungen erzielt werden, teilweise sogar im zweistelligen Prozentbereich. Die Hannover Rück sei sehr gut ins neue Geschäftjahr 2009 gestartet, sagt Zeller.

Rückversicherungen sind für das gesamte Versicherungswesen von elementarer Bedeutung. Versicherungsgesellschaften können einen Teil des Risikos, das sie für ihre Kunden übernehmen, durch entsprechende Verträge und Prämienzahlungen an einen andere Gesellschaft, den Rückversicherer, übertragen. Insbesondere bei großen Risiken und Versicherungsleistungen würde sich sonst niemand finden, der bereit wäre, dieses Risiko zu versichern, wenn es für die Versicherer nicht die Möglichkeit gäbe, sich gegen mögliche Zahlungsansprüche abzusichern. Die Rückversicherer selbst wiederum schaffen dadurch einen Risikoausgleich, dass sie ganz unterschiedliche Risiken von vielen verschiedenen Erstversicherern rund um den Globus übernehmen. Und sie verbriefen Risiken in Wertpapieren und versuchen, diese am Kapitalmarkt zu verkaufen.

Mit einem Prämienvolumen von zuletzt rund acht Milliarden Euro zählt die Hannover Rück Unternehmensgruppe zu den führenden Rückversicherern weltweit. Sie versichert heute mehr als 5000 Versicherungsgesellschaften in rund 150 Ländern. Als die Hannover Rück 1966 ihr Geschäft aufnahm, bestand dieses zunächst aus den klassischen Schaden-Rückversicherungen. Wichtige Bereiche in diesem Marktsegment sind für das Unternehmen heute zum Beispiel private, geschäftliche und industrielle Schaden- und Haftpflichtversicherungen in den USA und in Deutschland, das Transport- und Luftfahrtgeschäft sowie Absicherungen gegen Katastrophen.

Als zweites Betätigungsfeld neben den Schadenrückversicherungen haben Personenrückversicherungen eine wachsende Bedeutung für den Konzern. Unter der Marke „Hannover Life Re“ agiert das Unternehmen verstärkt in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Südafrika, den USA, Malaysia, Australien, Japan und China. Aus diesen zehn Ländern resultieren laut Unternehmensangaben mehr als 85 Prozent des Prämienvolumens in diesem Bereich. Angeboten werden Rückversicherungen für Leben-, Renten- und Unfallportefeuilles sowie für den Markt für Seniorenversicherungen. Letzterer gilt in Deutschland als Wachstumsmarkt, da die Bevölkerung im Zuge des demografischen Wandels zunehmend altert. Aufgrund ihres deutlich höheren Invaliditätsrisikos werden ältere Menschen beispielsweise in der traditionellen Unfallversicherung meist nicht versichert, stattdessen werden speziell zugeschnittene Versicherungsprodukte entwickelt.

Nachdem der Hannover Rück-Konzern noch im Jahr 2007 mit mehr als 720 Millionen Euro ein Rekordergebnis nach Steuern erzielen konnte, musste das Unternehmen im unmittelbar folgenden Geschäftsjahr 2008 erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ausweisen. „Dass 2008 ein verlorenes Jahr war, lag ausschließlich an den Problemen im Kapitalanlagebereich“, sagt Zeller. Dem Einbruch auf den Aktienmärkten habe man nur begrenzt ausweichen können. So musste der Konzern den Wert seiner Aktien und Anlagen um rund 480 Millionen Euro nach unten korrigieren. Ungeachtet des negativen Ergebnisses habe der Konzern kein Solvenzproblem. Die Entwicklung bei den Versicherungen bezeichnet er als „zufrieden stellend.“

Im Bereich Schadenrückversicherungen hätte das Unternehmen in 2008 „im Großen und Ganzen risikoadäquate Preise und Bedingungen“ erzielen können, sagt Zeller. Eine Reihe von Naturkatastrophen, darunter das Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan, mehrere Schneestürme in China, der europäische Wintersturm „Emma“, Hagelschäden in Deutschland sowie die beiden Hurrikans „Gustav“ und „Ike“, haben Schäden verursacht, für die die Hannover Rück einspringen musste. Allein Hurrikan „Ike“ schlug mit einer Netto-Belastung von rund 222 Millionen Euro zu Buche. Insgesamt lag die Schadensbelastung leicht über dem Erwartungswert von zehn Prozent der Nettoprämie. Die Entwicklung in der Personen-Rückversicherung sei aufgrund von Wechselkurseinflüssen und dem Rückgang des Risikogeschäfts in England „nicht so stürmisch wie in den Vorjahren“ ausgefallen.

Dass die Hannover Rück nach dem negativen Konzernergebnis für 2008 keine Dividende zahlen will, wird ihre Aktionäre enttäuscht haben. Die Aktie hatte Ende 2008 um mehr als ein Viertel ihres Wertes vom Jahresbeginn eingebüßt. Sie hat sich damit in 2008 aber besser gehalten als der deutsche Leitindex DAX mit seinem Minus von rund 40 Prozent. Aktuell notiert die Aktie der Hannover Rück bei 23,23 Euro. Mit dem Ausscheiden von Postbank und Infineon ist im März neben Fresenius auch Hannover Rück in den DAX aufgestiegen. Aktuelle Analystenbewertungen zu diesem Papier finden Sie beim Börseninformationsdienst ARIVA.DE (hier klicken).

In den USA hat Hannover Rück im Januar 2009 ein großes Einzelleben-Rückversicherungsportefeuille übernommen. „Die Akquisition wird nicht nur zu einem Anstieg unseres Prämienvolumens um über eine Milliarde US-Dollar führen, sondern auch die Diversifizierung unserer Ertragsquellen verbessern. Denn mit dieser Transaktion wird das stabilere Lebensrückversicherungsgeschäft künftig einen deutlich größeren Anteil am Gesamtgeschäft haben“, sagt Vorstandschef Zeller. Für das Gesamtgeschäft geht der Konzern bei konstanten Wechselkursen für 2009 von einem Wachstum der verdienten Nettoprämie in Höhe von 20 Prozent aus.



Eike Schäfer, 31.03.09 Dieser Artikel wurde 3080mal gelesen.