In der Kategorie Wissen machen wir Sie seit drei Jahren mit wichtigen Fachbegriffen aus der Welt der Zertifikate und der Finanzanlagen vertraut. Sehr häufig sind Indizes Basiswerte für derivative Finanzprodukte wie Zertifikate. Anlass genug, sie einmal genauer anzuschauen. In unserer Index-Serie stellen wirIhnen die wichtigsten BörsenbarometerderWelt vor. Heute: der Hang Seng und der HSCEI.

Deng Xiaoping, Nachfolger von Mao Zedong als chinesischer Machthaber, liebte es, komplizierte Politik auf einfache Slogans zu reduzieren. Auch für die von ihm geplante Zukunft Hongkongs fand er Anfang der Achtziger einen passenden Slogan: „ Ein Land, zwei Systeme“ . Hinter diesem Motto stand die Idee, aus der britischen Kronkolonie eine Sonderverwaltungszone zu machen, in der mindestens 50 Jahre lang das bisherige kapitalistische Wirtschaftssystem weitergeführt werden darf. Daraus erhoffte er sich für das Reich der Mitte einen größeren ökonomischen Nutzen als von einer direkten Eingliederung.
 

Obwohl Xiaoping die offizielle Übergabe Hongkongs nach 99 Jahren britischer Pachtzeit am 01. Juli 1997 nicht mehr erlebte, wurden seine Pläne umgesetzt. Seit diesem Tag wirtschaftet die „ Sonderverwaltungszone Hongkong der Volksrepublik China“ – so der offizielle  Name –mit relativer Autonomie,eigener Währung und Handelspolitik. Wie gering die Einmischung der Regierung in Peking aber tatsächlich ist, lässt sich nur mutmaßen.

Landwirtschaft spielt in Hong-kong keine Rolle, auch die Bedeutung der Industrie ist gesunken. Noch in den Achtziger Jahren klebte das Label „ Made in Hongkong“ auf einer Vielzahl von Elektrogeräten und Textilien, heute sind diese Produktionszweige aber weitestgehend auf das chinesische Festland abgewandert. Das Territorium an der Mündung des Perlflusses zählt dafür heute zu den größten Handels- und Finanzzentren Asiens.

Leitindex der Hong Kong Stock Exchange ist seit 1969 der Hang Seng Index, oder kurz HSI. Das Wirtschaftsbarometer des Tigerstaates zeigt zurzeit ganz klar nach oben. Es befindet sich sogar auf einer wahren Kursrallye, denn nahezu täglich werden neue Allzeit-Höchststande erreicht. In nur drei Monaten hat der Index um sagenhafte 43 Prozent zugelegt. Zum Vergleich: Der DAX, der sich nach den Kurskorrekturen ebenfalls in einer Erholungsphase befindet, konnte im gleichen Zeitraum seinen Kurs um sieben Prozent steigern.

Seit einem Beschluss im Jahr 2006 können jetzt auch Aktien von Unternehmen in den HSI aufgenommen werden, die ihren Standort nicht in der Sonderhandelszone, sondern auf dem chinesischen Festland haben. Berücksichtigt werden aber nur die so genannten H-Aktien, die anders als die an den anderen beiden chinesischen Börsen hauptsächlich gehandelten A-Aktien auch von ausländischen Investoren gekauft werden können. Damit ein Festland-Unternehmen in den Index aufgenommen werden kann, muss es eine von zwei Bedingungen erfüllen: Es muss entweder alle seine Aktien in Form von H-Aktien an der Börse Hongkong gelistet haben oder es hat im Zuge der Kapitalmarktreform alle Aktien, die sich vormals in Staatsbesitz befanden, in den öffentlichen Handel gebracht.
 

Unter allen Unternehmen, egal ob sie nun in Hongkong beheimatet sind oder zu den berechtigten chinesischen gehören, werden diejenigen ausgewählt, die den größten Börsenwert und -umsatz vorweisen können. Außerdem wird darauf geachtet, dass die Verteilung der vier Hang Seng Subsektoren der tatsächlichen Verteilung der Branchen auf dem Markt entspricht. Daher ist in den Statuten auch keine Anzahl von Indexmitgliedern festgelegt, derzeit befinden sich 40 Aktiengesellschaften im Hang Seng Index.
 

Mit der Änderung im vergangenen Jahr wurde auch die Berechnungsmethode umgestellt. Statt der Marktkapitalisierung aller Aktien wird nur noch der Streubesitz berücksichtigt. Diese Umstellung wurde nicht von einem Tag auf den anderen vorgenommen, sie erfolgte vielmehr schrittweise in einer zwölfmonatigen Übergangsphase und wurde Anfang September endgültig abgeschlossen.
 

Die Überprüfung des Indexes erfolgt im vierteljährlichen Rhythmus. Dividendenzahlungen werden bei der Berechung nicht berücksichtigt, die durchschnittliche Dividendenrendite liegt allerdings aktuell bei 2,04 Prozent. Das macht den Hang Seng zu einem beliebten Basiswert für Derivate. In unserer Datenbank sind zurzeit 783 verzeichnet, davon 199 verschiedene Anlagezertifikate.
 

Noch weit beliebter ist ein weiterer Index aus der Hang Seng Familie, der Hang Seng China Enterprises (HSCEI). Er dient momentan als Basiswert für 1211 Derivate auf dem deutschen Markt.
 

Der HSCEI umfasst ausschließlich H-Aktien und ist damit das einzige Marktbarometer für die wirtschaftliche Entwicklung des chinesischen Festlandes, das auch nichtchinesische Banken als Basiswert nutzen können. Ursprünglich startete die Berechnung 1994 und umfasste alle H-Aktien, die an der Börse Hongkong gehandelt wurden. Da ihre Anzahl mit der Zeit jedoch stark zunahm, wurde 2001 eine Änderung notwendig. Seitdem werden nur noch Unternehmen berücksichtigt, die unabhängig von ihrer Herkunft zu den insgesamt 200 Aktiengesellschaften mit der größten Marktkapitalisierung gehören. Daher sind momentan 43 H-Aktien zum HSCEI zusammengefasst. Die Berechnungsmethoden entsprechen denen des Hang Seng, zusätzlich darf kein Mitglied mehr als 15 Prozent Gewicht erhalten.
 



Britta Voß, 06.11.07 Dieser Artikel wurde 3177mal gelesen.