In der Kategorie Wissen machen wir Sie seit drei Jahren mit wichtigen Fachbegriffen aus der Welt der Zertifikate und der Finanzanlagen vertraut. Sehr häufig sind Indizes Basiswerte für derivative Finanzprodukte wie Zertifikate. Anlass genug, sie einmal genauer anzuschauen. In unserer Index-Serie stellen wir Ihnen die wichtigsten Börsenbarometer der Welt vor. Heute: Der niederländische AEX.

Holländer werden auf Schlittschuhen geboren und machen Urlaub im Wohnwagen. Sie fahren alle Hollandrad und Fußball spielen - das können sie schon mal gar nicht. Soweit nur einige der gängigen deutschen Vorurteile über unsere Nachbarn im Westen, die nicht nur dann immer wieder gerne bemüht werden, wenn es auf dem Fußballplatz gegeneinander geht.

Auf wirtschaftlicher Ebene hingegen klappt das Zusammenspiel mit den Niederlanden hervorragend. Sowohl beim Import als auch beim Export ist die Bundesrepublik der wichtigste Partner. Die dabei erreichten Umsätze sind beeindruckend: Das gesamte Austauschvolumen der beiden Staaten liegt bei etwa 133 Milliarden Euro und zählt damit zu den größten Handelsbeziehungen zweier Staaten weltweit.

Traditionell ist der Handel die Stütze der niederländischen Wirtschaft. Zur „ Drehscheibe Europas“ wird das Land durch seine hervorragend entwickelte Infrastruktur. Rotterdam ist der mit Abstand größte Hafen Europas und der Flughafen Amsterdam Schiphol zählt zu den größten Frachtflughäfen der Welt. Aber auch der Dienstleistungssektor ist eine tragende Säule. Er konzentriert sich vorwiegend auf das Ballungsgebiet Randstad im Westen. Neben kleineren Erdölvorkommen an der Grenze zum Emsland verfügt das insgesamt rohstoffarme Land jedoch über reichhaltige Erdgaslager in der Nordsee. Bei den Erdgas fördernden Nationen rangieren die Niederlande unter den Top Ten.

Nach einem mäßigen Wirtschaftswachstum in den Jahren 2001 bis 2005 verzeichnen die Niederlande seit dem vergangenen Jahr wieder einen deutlichen Anstieg. Das zeigt sich zum einen am Wachstum des Bruttoinlandsproduktes, das von 1,5 Prozent in 2005 auf drei Prozent anstieg. Die positive Tendenz lässt sich aber auch an der Entwicklung des niederländischen Leitindexes AEX ablesen. Der Amsterdam Exchange Index erreichte vor der US-Immobilienkrise ein neues Fünfjahreshoch von 561,80 Punkten und hatte damit seit Jahresbeginn 2006 nahezu 29 Prozent zugelegt.

Der Index umfasst die 25 meist gehandelten Unternehmen der Börse in Amsterdam, wobei eine Überprüfung der Zusammensetzung immer am ersten Handelstag des März erfolgt. Dafür werden alle an der Börse gehandelten Unternehmen hinsichtlich ihres Börsenumsatzes in einer Rangliste aufgeführt. Die 23 besten werden direkt in den Index aufgenommen. Von den Unternehmen auf den Plätzen 24 bis 27 werden zwei weitere ausgesucht. Erstes Kriterium dabei ist, ob die Aktiengesellschaft bereits vor der Überprüfung Mitglied war, nachrangig wird auch hier wieder der Börsenumsatz betrachtet.

Die Gewichtung der Werte im Index richtet sich nach der Marktkapitalisierung des Streubesitzes. Der maximale Anteil, den ein Unternehmen im Index erhalten darf, liegt bei 15 Prozent. Nicht weit entfernt von dieser Marke sind der Energieriese Royal Dutch Shell sowie die beiden Banken ING Groep und ABN AMRO. Letztere wird durch die anstehende Zerschlagung (siehe Seite 8) durch die Royal Bank of Scotland und zwei weitere Investoren voraussichtlich zukünftig deutlich an Wert verlieren.

Die Berechnung des Indexes erfolgt alle 15 Sekunden und wird durch die Vierländerbörse Euronext, zu der auch der Handelsplatz in Amsterdam gehört, durchgeführt. Die turnusmäßigen Prüfungen übernimmt jedoch das AEX Index Steuerungs-Komitee. Beim AEX handelt es sich um einen Kursindex, anfallende Dividenden werden also nicht bei der Berechnung berücksichtigt.

Übrigens: Auch die Niederländer haben ein paar merkwürdige Vorstellungen über ihre Nachbarn. In einer Broschüre fasst die Deutsch-Niederländische Handelskammer die Vorurteile plakativ zusammen: „ Der ‚gewöhnliche Deutsche’ gilt als arrogant, humorlos, unfreundlich und zeichnet sich vor allem durch kräftigen Konsum von Bier und Bratwurst aus“ .



Britta Voß, 09.10.07 Dieser Artikel wurde 3595mal gelesen.