In der Kategorie Wissen machen wir Sie seit drei Jahren mit wichtigen Fachbegriffen aus der Welt der Zertifikate und der Finanzanlagen vertraut. Sehr häufig sind Indizes Basiswerte für derivative Finanzprodukte wie Zertifikate. Anlass genug, sie einmal genauer anzuschauen. In unserer Index-Serie stellen wir Ihnen die wichtigsten Börsenbarometer der Welt vor. Heute: der koreanische KOSPI.

Wenn in wenigen Tagen Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Il und Südkoreas Präsident Roh Moo-Hyun zu einem Gipfeltreffen in Pjöngjang zusammenkommen, hat das durchaus historischen Charakter. Denn erst zum zweiten Mal seit dem Koreakrieg findet dann eine Begegnung auf oberster Ebene zwischen zwei Staaten statt, die sich offiziell noch immer und damit seit mehr als 50 Jahren im Krieg miteinander befinden. Lediglich per Waffenstillstand endete am 27. Juli 1953 der Konflikt, dem nach Schätzungen rund drei Millionen Menschen zum Opfer fielen, bei der fast die gesamte Industrie der Halbinsel in Ostasien zerstört wurde und die die Teilung des Landes in einen kommunistisch geführten Norden und einen demokratischen Süden zementierte.

Entsprechend sind die Gespräche zwischen den Staaten mit den Hoffnungen vieler auf Versöhnung verbunden. Wirtschaftliche Hilfen für Nordkorea und im Gegenzug ein Entgegenkommen Pjöngjangs bei seinem umstrittenen Atomprogramm – so könnte der Schlüssel für weitere Vereinbarungen aussehen. Seit dem Ausbleiben der Wirtschaftshilfen des ehemaligen Ostblocks ist die Planwirtschaft in Nordkorea mit den tatsächlichen Gegebenheiten auf dem Weltmarkt konfrontiert. Ihr Verfall ist dramatisch: Die Leistung der nordkoreanischen Wirtschaft beträgt nach Angaben des Auswärtigen Amtes inzwischen nur noch einen Bruchteil der Ergebnisse aus ihrer Blütezeit in den 1970er Jahren. Anders das Bild im Süden der Halbinsel: Südkorea liegt heute gemessen am Bruttosozialprodukt auf Platz 11 in der Welt und hat eine rasante wirtschaftliche Entwicklung hinter sich, nachdem das Land nach dem Koreakrieg zu den ärmsten Ländern der Welt zählte. Samsung, Hyundai und LG sind Konzerne, die Südkorea weltweit bekannt machen.

Indikator für die Wirtschaft Südkoreas und gleichwohl Barometer für die Preisentwicklung koreanischer Aktien ist der Korean Composite Stock Price Index KOSPI. Die Vorgeschichte, die seiner Einführung im Jahr 1983 durch die Korea Stock Exchange in Seoul voranging, spiegelt unterschiedliche Ansätze und Entwicklungen bei der Berechnung von Indizes geradezu exemplarisch wider.

Einen modernen Aktienhandel in Korea gibt es erst etwa seit dem Jahr 1962. Zwar öffnete die Koreanische Wertpapierbörse bereits 1956 ihre Tore, doch prägte zunächst vor allem der Rentenhandel das Bild. Der erste koreanische Aktienindex wurde daher auch erst am 4. Januar 1964 veröffentlicht. Dazu bildete die Börse von 17 ausgewählten Aktien einen Durchschnittspreis nach der Dow Jones-Methode ab. Dieses Berechnungsprinzip wurde beibehalten, als im Januar 1972 ein Börsenbarometer mit dem Titel Korea Composite Stock Price Index unter dem Kürzel KCSPI aus der Taufe gehoben wurde. Seine Basis waren nunmehr 35 Aktien, die im ersten Börsensegment, dem so genannten Primary Market, notiert waren.

Doch auch der KCSPI war im Laufe der Zeit angesichts des Marktwachstums nicht mehr in der Lage, den Aktienhandel in Korea adäquat zu repräsentieren. Sieben Jahre nach seiner ersten Berechnung wurde beschlossen, die Zusammensetzung des Indexes fortan jährlich zu überprüfen. Beibehalten wurde die Preisgewichtung: Aktien mit hohem Kurs gingen nach wie vor entsprechend stark in den Index ein, völlig unabhängig davon, wie viele Stücke es von diesem Wertpapier tatsächlich gehandelt werden. So wurde in der Folgezeit die Kritik an dieser strukturellen Schwäche immer größer – einer Schwäche, die alle Indizes aufweisen, die gemäß dem Vorbild Dow Jones entwickelt wurden.

Es dauerte noch einmal gut zehn Jahre, bis die Börse in Seoul auf die Kritik reagierte und ein Börsenbarometer für den koreanischen Aktienhandel einführte, das die Marktkapitalisierung der jeweiligen Aktien berücksichtigt – der KOSPI war geboren. Kursveränderungen einer enthaltenen Aktie wirken sich bei diesem Index entsprechend der Bedeutung der Aktie auf dem Markt aus. Der KOSPI umfasst alle Stammaktien, die im entsprechenden Segment der Korea Exchange gehandelt werden. Er wurde auf einen Wert von 100 Punkten für den 4. Januar 1980 normiert. Ein entsprechendes Regelwerk sorgt dafür, dass etwa bei Fusionen oder Übernahmen die Berechnung des Indexes angepasst wird. Der Indexstand wird auf der Homepage der Börse zu Handelszeiten alle zehn Sekunden neu veröffentlicht.

Bekannt ist hierzulande aus der KOSPI-Familie vor allem der KOSPI 200. Er umfasst 200 Blue-Chip Aktien der koreanischen Wertpapierbörse. Diese Titel machen mehr als 80 Prozent vom Gesamtmarktwert der koreanischen Börse aus und repräsentieren acht Branchen: Fischerei, Bergbau, verarbeitende Industrie, Elektrik/ Gas, Baugewerbe, Dienstleistungen, Post/ Kommunikation und Finanzwesen. Hauptkriterium für die Aufnahme oder Streichung eines Wertes ist die Börsenkapitalisierung innerhalb dieser vorgegebenen Industriegruppen. Aufgenommen werden nur Aktien, deren Börsenwert mindestens ein Prozent der gesamten Börsenkapitalisierung ausmachen. Die Anpassung des Indexes findet einmal im Jahr statt und orientiert sich ebenfalls an der Marktkapitalisierung.

Als Preisindex ohne Anrechnung von Dividenden ist der KOSPI 200 in Deutschland Basiswert verschiedener Zertifikate. Der KOSPI 200 wurde mit einem Anfangswert Wert von 100 für den 3. Januar1990 entwickelt. Aktuell notiert der Index bei rund 230 Punkten. 



Eike Schäfer, 14.08.07 Dieser Artikel wurde 4169mal gelesen.