An dieser Stelle machen wir Sie in loser Reihenfolge mit den Grundtypen einiger Anlagezertifikate und mit weiteren Fachbegriffen aus der Welt der Finanzen vertraut. Das Thema heute: Twin-Win Zertifikate

Eine relativ neue Spielart von Zertifikaten auf dem Markt stellen Schmetterlingszertifikate dar, die je nach Anbieter auch als „Butterfly-“ oder „Twin-Win-Zertifikate“ angeboten werden. Klarer Vorteil für den Anleger: Er partizipiert nicht nur an steigenden, sondern in begrenzten Rahmen auch an fallenden Kursen.
 

Das bunte Insekt ist dabei Namenspate für eine Investitionsstrategie, die hilft Verlustrisiken mit Hilfe einer Kombination mehrerer Optionen einzudämmen. Diese Strategie liegt den Twin-Win-Zertifikaten zugrunde. Denn wie zahlreiche andere Produkte auf dem Derivatemarkt sind diese Zertifikate in ihrer Grundstruktur nichts anderes als eine Verknüpfung verschiedener Optionen.
 

Zur Erinnerung: Der Erwerb einer Option räumt dem Besitzer das Recht ein, einen zu Grunde liegenden Basiswert – etwa eine Aktie oder einen Index – zukünftig zu einem vorher festgelegten Preis zu kaufen (Call) beziehungsweise zu verkaufen (Put). Die Entscheidung, ob dieses Recht zum Ende der Laufzeit wirklich ausgeübt wird, liegt dabei allein beim Käufer der Option. Eine Pflicht zur Einlösung, etwa wenn sich der Markt zu seinen Ungunsten entwickelt hat, besteht nicht.
 

Für den Anleger stellt sich der Erwerb eines Zertifikats von Außen betrachtet grundsätzlich als Schuldverschreibung der Bank dar, deren Rückzahlung an die Entwicklung eines Basiswertes und die von Zertifikat zu Zertifikat individuell vereinbarten Bedingungen geknüpft ist. Blickt man aber einmal hinter die Kulissen, zeigt sich, dass Zertifikate oft ein Bündel von Optionen sind. Denn damit der Emittent die fälligen Rückzahlungen an den Anleger auch für alle möglichen Marktszenarien gewährleisten kann, sichert er sich mit einer bestimmten Konstruktion von Optionen ab.
 

Um diese im Hintergrund stehende Konstruktion für das Schmetterlingszertifikat deutlich zu machen,  betrachten wir zunächst einmal die für den Anleger sofort sichtbare, äußere Funktionsweise. Wie bereits erwähnt, bietet es die Möglichkeit sowohl aus positiven als auch bis zu einer gewissen Schwelle aus negativen Kursentwicklungen des Basiswertes Gewinn zu erzielen.

Nach oben hin sind die Schmetterlingszertifikate zumeist mit einem Hebel versehen, der eine überproportionale Beteiligung an den Zuwächsen des Basiswertes ermöglicht. Bei einem angenommen Hebel von 1,5 und einem Kurszuwachs beim Basiswert von zehn Prozent bekäme der Anleger dementsprechend ein Plus von 15 Prozent ausgezahlt.

Außergewöhnlich ist das Verhalten bei einer negativen Performance des Basiswertes: Kursverluste werden nicht nur wie bei Protect-Zertifikaten abgepuffert, sondern sogar als Gewinn ausgezahlt. Sinkt der Kurs also beispielsweise um zehn Prozent unter den Basiswert, erhält der Anleger diesen Verlust als Gewinn ausgezahlt. Voraussetzung dafür ist, dass ein vom Emittent festgelegtes Schutzniveau (Protect-Level) während der Laufzeit nicht unterschritten wird. Geschieht dies doch, trägt der Anleger mögliche Verluste voll, wie es auch bei Index-Zertifikaten der Fall ist.
 

Was die genaue Ausgestaltung der Parameter betrifft, sind der Kreativität der Emittenten natürlich keine Grenzen gesetzt. So gibt es mittlerweile zahlreiche Varianten mit verschiedenen Hebeln oder – zugunsten eines höheren Spielraums nach unten – ganz ohne Hebel. Gleich ist aber bei allen die Twin-Win-Situation für den Anleger.
 

Schauen wir nun einmal genauer auf die interne Konstruktion. Emittiert eine Bank Schmetterlingszertifikate, kauft sie zur Absicherung der späteren Rückzahlung vier verschiedene Optionen: einen Zero-Strike-Call, eine Call-Option, sowie zwei Down-and-Out-Put-Optionen. Diese auf den ersten Blick etwas kompliziert anmutende Konstruktion lässt sich gut anhand des Beispiels in der Tabelle unten nachverfolgen. Dort gehen wir davon aus, dass der Basiswert des Zertifikats die Aktie des Unternehmens XY ist, die am Emissionstag bei 50 Euro steht. Das Schutzniveau soll bei einem Kurs von 30 Euro liegen.
 

Mit der ersten Option, dem Zero-Strike-Call, erwirbt die Bank das Recht, zum Ende der Laufzeit eine XY-Aktie für 0 Euro zu erhalten. Die Bank sichert damit ab, dass sie später dem Anleger den jeweiligen Stand des Basiswertes zurückzahlen kann. Der Preis, den sie für diese Option bezahlen muss, ergibt sich aus dem aktuellen Preis der Aktie abzüglich des Marktzinses und der erwarteten Dividende. Konkret wird im Beispiel angenommen, dass XY Dividenden in Höhe von fünf Euro ausschütten wird, der Marktzins wird mit einem Euro eingerechnet. Somit bleibt ein Kaufpreis von 44 Euro.
 

Die zweite Call-Option sichert die Hebelwirkung bei einer positiven Kursentwicklung ab. In unserem Beispiel liegt ein Hebelfaktor von zwei vor. Bei einem Kurszuwachs von zehn Euro müsste die Bank entsprechend 20 Euro an den Anleger auszahlen. Um dies zu ermöglichen investiert sie zu Beginn zwei Euro in eine Call-Option auf den Kursgewinn. Diese wird natürlich nur dann eingelöst, wenn der Kurs über dem Basispreis schließt.
 

Ähnlich verhält es sich mit den beiden Down-and-Out-Put-Optionen. Sie werden nur dann ausgeübt, wenn der Kurs am Ende der Laufzeit unter dem Basispreis liegt. Die erste wird dazu verwendet, einen möglichen Kursverlust auszugleichen, die zweite ist dazu da, den erzielten Verlust in einen tatsächlichen Gewinn umzukehren. Ihre Knock-Out-Schwellen sind identisch mit dem Schutzniveau des Zertifikats; wird es während der Laufzeit berührt oder unterschritten, fallen die Optionen und damit die Absicherung vollkommen aus.
 

Das erklärt auch, warum der Anleger in diesem Fall den vollen Verlust tragen muss, denn es bliebe nur noch der Zero-Strike-Call als Sicherung übrig. Anders dagegen wenn sich der Kurs bis zum Stichtag wieder über den Emissionspreis erholt. Dann fallen die Put-Otionen zwar ebenfalls aus, sind aber auch nicht mehr zur Absicherung notwendig, so dass der Anleger wieder den gehebelten Gewinn einstreichen kann.
 

Für den – wohl nur im Modell möglichen Fall – dass sich der Kurs über die gesamte Laufzeit nicht verändert, wären mit einem Schmetterlingszertifikat keine Gewinne zu erzielen: Es käme zur Auszahlung des Nennwertes. Wer mit einem seitwärts tendierenden Markt rechnet, für den ist diese Anlageform also suboptimal, denn Gewinne entstehen gerade aus einer positiven oder negativen Entwicklung des Basiswertes zum Stichtag. Attraktiv ist die Investition hingegen für Anleger, die dem Basiswert grundsätzlich ein großes Potential zuschreiben und damit rechnen, dass das jeweilige Schutzniveau ausreicht.
 



Britta Voß, 19.12.06 Dieser Artikel wurde 6134mal gelesen.