An dieser Stelle machen wir Sie in loser Reihenfolge mit den Grundtypen einiger Anlagezertifikate und mit weiteren Fachbegriffen aus der Welt der Finanzen vertraut. Das Thema heute: Bonität

Nach wie vor wächst die Beliebtheit von Zertifikaten ungebremst. So schätzt die Branchenvereinigung Derivate-Forum, in der sich acht große Emittenten zusammengeschlossen haben, das aktuelle Marktvolumen dieses Bereichs mittlerweile auf über 140 Milliarden Euro. Die Gründe für diesen wachsenden Zuspruch liegen auf der Hand. Denn als Gegenstück zu herkömmlichen Finanzprodukten wie Aktien- und Rentenfonds bieten die flexiblen Zertifikate viele Möglichkeiten.
 

So können sie jede beliebige Marktmeinung abbilden und berücksichtigen die persönliche Risikoneigung eines Anlegers deutlich besser, als dies bei traditionellen Fonds möglich ist. Zudem können durch den Austausch von Aktien gegen passende Zertifikate nervenaufreibende Schwankungen des Depotvermögens deutlich reduziert werden.
 

Diese Risiko-Optimierung der Vermögensanlage steht auch nicht selten im Zentrum von Werbeaktivitäten der Emittenten. In denen scheint es manchmal, als wäre die Anlage in Zertifikate eine nahezu risikolose Angelegenheit. Leider wird dabei recht häufig eine Gegebenheit übersehen. Denn Zertifikate beinhalten gerade ein Risiko, dass bei den klassischen Anlageformen nicht ins Gewicht fällt: Die Bonität des Emittenten.
 

Und dieses Risiko hat juristische Hintergründe. Bei Investmentfonds etwa handelt es sich rechtlich gesehen um Sondervermögen, das heißt es wird vom Vermögen der jeweiligen Kapitalanlagegesellschaft komplett unabhängig verwaltet. Kommt es zu einem Konkurs des Fondsverwalters, ist das Vermögen der Anleger also geschützt.
 

Anders verhält es sich dagegen bei Zertifikaten. Diese beziehen sich zwar häufig auf Aktien oder Aktienindizes, von der rechtlichen Struktur her sind sie aber nichts anderes als Inhaberschuldverschreibungen mit variablem Rückzahlungswert. Das bedeutet im Fall von Zahlungsschwierigkeiten oder gar einer Pleite des Emittenten, dass die Anleger allenfalls aus der Konkursmasse bedient werden, ähnlich wie es auch bei herkömmlichen Unternehmensanleihen der Fall ist.
 

Neben dem ganz normalen Anlagerisiko, dem sich auch jeder Aktienkäufer oder Fondsanleger aussetzt, kommt bei Zertifikaten also das Emittentenrisiko noch hinzu. Insbesondere institutionelle Anleger versuchen, das Risiko zu streuen, indem sie in Produkte verschiedener Emittenten investieren. Eine Strategie, die sich natürlich auch für private Investoren empfiehlt. Für diese ist es jedoch noch schwieriger, die Bonität eines Derivateausgebers richtig einzuschätzen.
 

Eine Hilfestellung im Kaufentscheidungsprozess geben international tätige Rating-Agenturen wie beispielsweise Moody’s oder Standard & Poors (S&P). Sie überprüfen die Bonität mittels statistischer Verfahren auf Basis verschiedener fundamentaler Unternehmensdaten wie etwa der Verschuldungssituation und stufen sie in verschiedene Grade ein. Dieses so genannte Rating sagt aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Schuldner am Ende der Laufzeit eines Derivats seinen Zahlungsverpflichtungen auch nachkommen kann. Sie unterscheiden sich in ihrem grundsätzlichen Aufbau zwischen den einzelnen Agenturen nicht wesentlich.
 

Zu beachten ist, dass die Ratings ein reines Hilfsmittel bei der Entscheidungsfindung sind, dagegen sind sie jedoch keine Empfehlung zum Kauf oder Nichtkauf oder gar eine Garantie für einen Vermögenszuwachs. Das einmal ausgestellte Bonitätszeugnis ist außerdem keinesfalls von Dauer. Die Kreditwürdigkeit der Unternehmen wird von den Rating-Agenturen ständig neu analysiert, ein einmal erreichter Grad ist also nicht fix und kann sich jederzeit ändern. Anleger, insbesondere langfristige Zertifikatesparer, sollten daher nicht nur die aktuelle Benotung des Emittenten betrachten, sondern sich auch regelmäßig über die Entwicklung informieren, um bei eventueller Ratingver- schlechterung rechtzeitig reagieren zu können.
 

Aber auch an dieser Stelle hört die Risikobetrachtung noch nicht auf. Häufig erfolgt die Ausgabe der Zertifikate nicht durch die Banken selbst, sondern insbesondere aus finanziellen und rechtlichen Gründen durch Tochtergesellschaften, deren Verbindlichkeiten nicht in jedem Fall durch die entsprechenden Garantien des Mutterkonzerns abgesichert sind. Unabhängig davon kann es sich aber natürlich keine renommierte Großbank leisten, bei Zahlungsunfähigkeit der so genannten „Special Purpose Vehicles“ nicht für die Verbindlichkeiten der Tochter einzuspringen. Eine Insolvenz der großen Banken selbst ist dagegen in der Praxis höchst unwahrscheinlich und würde, sollte dieser Fall tatsächlich eintreten, wohl eine allgemeine Wirtschaftskrise einleiten.
 

Informationen über den tatsächlichen Emittenten, häufig auch mit Angabe der Ratings der gängigen Agenturen, finden sich in den jeweiligen Emissionsprospekten, die meist direkt auf den entsprechenden Internetseiten herunter geladen werden können.

Nicht nur bei börsennotierten Derivaten, die nahezu ausschließlich von renommierten Banken ausgegeben werden, besteht das Emittentenrisiko. Besondere Vorsicht gilt vielmehr bei analog konstruierten, nicht an der Börse gehandelten Papieren. So werden gerade auf dem Kapitalmarkt aus steuerlichen Gründen vermehrt Zertifikate-Lösungen angeboten. Die ausgebenden GmbHs verfügen dabei zum Teil gerade einmal über das mindestens erforderliche Grundkapital, und häufig ist keine weitere Absicherung durch eine Bank oder einen Großkonzern gegeben. Das Emittentenrisiko kann hier bei solchen Anbietern derart hoch ausfallen, dass vom Kauf selbst bei erfolgreich scheinender Spekulation abzuraten ist. Stattdessen sollte gerade in diesem Bereich ausschließlich auf Produkte zurückgegriffen werden, bei denen die haftende Gesellschaft über eine zweifelsfreie Bonität verfügt.
 



Eike Schäfer, 05.12.06 Dieser Artikel wurde 3094mal gelesen.