An dieser Stelle machen wir Sie in loser Reihenfolge mit den Grundtypen einiger Anlagezertifikate und mit weiteren Fachbegriffen aus der Welt der Finanzen vertraut. Das Thema heute: Die Folgen von Aktiensplit & Co.

Der Gesetzgeber erlaubt Aktiengesellschaften eine Vielzahl an Kurs beeinflussenden Maßnahmen wie zum Beispiel Kapitalerhöhungen, Abspaltungen oder einen Aktiensplit. Da sich zahlreiche Zertifikate auf Aktien beziehen, sind Unternehmensvorgänge dieser Art auch für die Inhaber solcher Zertifikate von Interesse. Anders als die Aktionäre sind sie nicht Teilhaber des jeweiligen Unternehmens: Zertifikate stellen lediglich eine Schuldverschreibung der herausgebenden Bank dar, deren Rückzahlung an die Entwicklung eines Basiswertes gekoppelt ist. Daher stellt sich die Frage: Was passiert mit den Zertifikaten, wenn sich am Basiswert etwas ändert?
 

Soviel vorweg: Gängige Auffassung unter den Emittenten scheint es zu sein, den Inhaber von Zertifikaten dem Aktionär gleichzustellen und die Derivate nach Kapitalmaßnahmen, die den Basiswert betreffen, entsprechend wertneutral anzupassen. In der Vergangenheit haben sich die Banken bei der Anpassung meist am Vorgehen der Frankfurter Terminbörse EUREX orientiert. Das macht durchaus Sinn: An der Terminbörse werden Optionen und Futures gehandelt, die von den Emittenten zur Konstruktion vieler Zertifikate-Arten genutzt werden.
 

Bindend ist die Vorgehensweise der EUREX bei der Anpassung von Optionen für die Banken jedoch nicht: Grundsätzlich sind die Emittenten zu dem verpflichtet, was sie bei Auflage des Zertifikates in den jeweiligen Zertifikatsbedingungen angegeben haben. Daher lohnt vor dem Kauf eines Zertifikates der Blick ins Kleingedruckte auch im Hinblick auf mögliche Anpassungen.
 

Das deutsche Aktiengesetz unterscheidet verschiedene Formen der Kapitalerhöhung. Die so genannte ordentliche Kapitalerhöhung erfolgt durch die Ausgabe neuer Aktien. Durch den Erlös wird die Eigenkapitalbasis der Gesellschaft erweitert. Den Altaktionären wird hierbei ein Recht auf Bezug der neuen Aktien entsprechend ihrer bisherigen Beteiligung eingeräumt. Dieses Bezugsrecht kann jedoch durch eine Dreiviertel-Mehrheit der Hauptversammlung ausgesetzt werden.
 

Das Bezugsverhältnis drückt aus, wie viele Altaktien notwendig sind, um eine der neuen Aktien zu beziehen. Ein Beispiel: Im September 2005 hatte der Touristikkonzern TUI seinen Aktionären mehr als 70 Millionen neuer Aktien zum Kauf angeboten. Für fünf alte Aktien konnten zwei neue Aktien erworben werden – das Bezugsverhältnis lag also bei 2:5. Altaktionäre, die selbst nicht junge Aktien erwerben wollten, konnten ihr Bezugsrecht verkaufen.
 

Der Wert dieses Bezugsrechtes ist wichtig für die Anpassung von Optionen und Zertifikaten. Er ergibt sich nach der Formel: (Börsenkurs alte Aktie – Bezugskurs neue Aktie) : (Bezugsverhältnis + 1). Denn Inhaber von Derivaten lassen sich den Aktionären bei einer Kapitalerhöhung gleichstellen, indem man ihnen ein – theoretisches – Bezugsrecht einräumt.
 

Bei Optionsgeschäften, die vor der Kapitalerhöhung abgeschlossen und die noch nicht fällig wurden, bezogen sich Bezugsverhältnis und Strike (Basiswert) lediglich auf die alte Aktie und deren Kurs. Nach der Kapitalerhöhung werden beide den neuen Bedingungen angepasst. Das geschieht mit Hilfe eines Korrekturfaktors, der sich wie folgt errechnet: (Kurs alte Aktie – Wert des Bezugsrechtes) / Kurs alte Aktie. Mit Hilfe des Korrekturfaktors können auch bei Zertifikaten entsprechend Cap, Bezugsverhältnis sowie möglicherweise vorhandene Schwellenwerte angepasst werden.
 

Neben der ordentlichen Kapitalerhöhung führen auch die bedingte Kapitalerhöhung und das so genannte genehmigte Kapital zu einer Ausweitung der Eigenkapitalbasis. Bei Ersterer ist die Erhöhung unabhängig von der Ausübung von Bezugsrechten. Und von der Hauptversammlung genehmigtes Kapital ermöglicht es dem Vorstand, den Zeitpunkt der Kapitalerhöhung innerhalb von fünf Jahren frei zu wählen – bei entsprechendem Beschluss unter Ausschluss von Bezugsrechten.
 

Nicht immer findet bei einer Kapitalerhöhung der Zufluss neuer Mittel von außen statt: Auch kann der Vorstand innerhalb des Eigenkapitals Umschichtungen vornehmen und das Grundkapital aus Geschäftsmitteln erhöhen. Ein Beispiel: Die Walldorfer Software Schmiede SAP hatte Ende 2005 einen solchen Schritt vollzogen. Das Grundkapital sollte von seinerzeit 316 Millionen Euro auf 1,266 Milliarden Euro erhöht werden – und zwar ohne eine zusätzliche Einlage der Aktionäre. Dazu wurden offene Rücklagen durch Ausgabe von Zusatzaktien (Berichtigungsaktien) an die Aktionäre in dividendenberechtigtes Grundkapital überführt. Die Aktivseite der Unternehmensbilanz bleibt von dieser Maßnahme völlig unberührt, es handelt sich bilanztechnisch um einen Passivtausch.

Durch eine solche Maßnahme vervielfacht sich die Zahl der Unternehmensaktien. Im SAP-Beispiel sollten die Anteilseigner zu jeder alten Aktie drei zusätzliche SAP-Aktien bekommen. Weil diese ohne Einnahme vergeben werden, nennt man solche Aktien auch Gratisaktien.
 

Für die Aktionäre kommt eine solche Maßnahme einem Aktiensplit gleich. Bei einem Aktiensplit wird der aktuelle Aktienbestand einer AG in mehr Aktien aufgeteilt. Mit Hilfe eines Aktiensplits lassen sich Aktien mit sehr hohem Kursniveau optisch günstiger darstellen.

Zertifikate sollten nach der Ausgabe von Zusatzaktien oder nach einem Aktiensplit beim Basiswert um den entsprechenden Faktor angepasst werden. Bezog sich ein Zertifikat bislang beispielsweise auf eine Unternehmensaktie allein, sollten es nach der oben beschriebenen Maßnahme auf die entsprechende Anzahl umgestellt werden.
 

Neben der Kapitalerhöhung sind andere Unternehmensvorgänge denkbar, die eine Anpassung von Zertifikaten erforderlich machen. Zum Beispiel eine Ausgliederung (Spin-off): Bei einer solchen Abspaltung kann aus einem einzelnen Basiswert ein Aktienkorb mit zwei Wertpapieren werden.
 

Dies ist beispielsweise geschehen, als der Bayer-Konzern seine Chemie-Tochter Lanxess an die Börse brachte. Bayer-Aktionäre erhielten damals für je zehn Bayer-Aktien zusätzlich eine Lanxess-Aktie. Wer zu diesem Zeitpunkt ein Zertifikat auf den Basiswert Bayer AG besaß, wurde von den Emittenten entsprechend abgefunden. Künftig bezog sich sein Zertifikat auf die Bayer-Aktie und auf ein Zehntel der Lanxess-Aktie. Gleichzeitig haben die Emittenten sehr rasch nach dem Spin-off und dem Börsengang von Lanxess neue Zertifikate herausgebracht, die sich dann nur auf die Bayer-Aktie nach der Abspaltung oder nur auf die Lanxess-Aktie allein bezogen.
 

Die Dividende ist der Teil des Gewinns, den eine Aktiengesellschaft an ihre Aktionäre ausschüttet. Soweit, so gut. Ob eine Dividende gezahlt wird und in welcher Höhe, wird vom Vorstand vorgeschlagen und von der Hauptversammlung beschlossen. Herkömmliche Dividenden nutzen die Emittenten häufig, um Zertifikate mit besonderen Eigenschaften wie einem Bonus oder einer überproportionalen
Gewinnchance auszustatten. Sie fließen in die Konstruktion solcher Produkte ein und werden nicht an den Inhaber des Zertifikates weitergegeben.
 

Anders sieht es bei Sonderausschüttungen aus. Diese sind nicht von vornherein für die Finanzierung von Zertifikaten vorgesehen und könnten daher vom Emittenten an den Anleger weitergegeben werden.
 

Wenn die Porsche AG beispielsweise nach einem erfolgreichen Geschäftsjahr eine einmalige Sonderdividende herausgibt und den Aktionären neben einer Grunddividende einen Sonderbonus von 14 Euro zahlt – wie beispielsweise Ende des Jahres 2002, dann schlägt sich ein solches Vorgehen meist negativ auf den Aktienkurs nieder. Eine Anpassung der Zertifikate würde auch in einem solchen Fall den Anleger dem Aktionär gleichstellen. Cap und mögliche Schwellennotierungen lassen sich um den entsprechenden Korrekturfaktor absenken.
 



Eike Schäfer, 07.11.06 Dieser Artikel wurde 8486mal gelesen.