An dieser Stelle machen wir Sie in loser Reihenfolge mit den Grundtypen einiger Anlagezertifikate und mit weiteren Fachbegriffen aus der Welt der Finanzen vertraut. Das Thema heute: Fälligkeit.

Eigentlich könnte alles so schön sein. Die Laufzeit Ihres Zertifikates ist vorüber, mit der Performance sind Sie auch ganz zufrieden. Jetzt fehlt nur noch das Geld. Doch ganz so schnell ist das nicht auf Ihrem Konto: In der Regel vergehen mindestens drei Tage von der Fälligkeit bis zur Gutschrift. Das hat seinen Grund: Die Abwicklung nach der Fälligkeit folgt einem ganz bestimmten Muster.
 

Zunächst einmal muss der Emittent den Wert des Zertifikates feststellen. Berechnet wird dieser entsprechend der bei Emission festgelegten Rückzahlungsbedingungen. Maßgeblich ist meist der relevante Schlusskurs des jeweiligen Basiswertes. Bei einfachen Index- oder Trackerzertifikaten lässt sich der Wert des Derivates direkt am Punktestand ablesen, bei Zertifikaten, die auf einen Aktienkorb herausgegeben werden, müssen mehrere Aktienkurse entsprechend der getroffenen Vereinbarung gewichtet werden.
 

Vielfach ist die Rückzahlung aber auch an ganz bestimmte Bedingungen geknüpft – etwa daran, dass der Kurs des Basiswertes bestimmte Schwellen während der Laufzeit nicht unterschreitet. In einem solchen Fall ist nicht nur der Schlusskurs, sondern die Performance während der Laufzeit des Zertifikates oder zumindest die Kursnotierung an bestimmten Stichtagen entscheidend. Grundsätzlich ist der Phantasie der Emittenten bei den Rückzahlungsmodalitäten kaum Grenzen gesetzt. Entsprechend viele Varianten von Zertifikaten sind auf dem Markt zu finden. Immer jedoch sind die Rückzahlungsbedingungen bei Herausgabe des Papiers bereits schriftlich fixiert.
 

Die emittierende Bank weiß, wie viele Zertifikate einer Art sie insgesamt herausgegeben hat. Sie weiß nicht, wer diese Zertifikate besitzt – und damit auch nicht, bei welchen Filial- oder Direktbanken die Anleger, denen die Rückzahlung jetzt gut geschrieben werden soll, ihre Depots eingerichtet haben.
 

Dass dennoch die Abrechung zügig und effizient über die Bühne, geht, dafür ist vor allem Clearstream zuständig. Clearstream ist eine Unternehmensgruppe der Deutschen Börse AG, die weltweit täglich nach eigenen Angaben mehr als 250.000 Transaktionen verschiedenster Art abrechnet. Clearstream übernimmt die Rolle eines Mittlers zwischen den am Handel beteiligten Banken, und Brokern: Wertpapiere gegen Geld – dieser Austausch soll möglichst simultan vonstatten gehen.

Im Beispiel unseres Zertifikates ist es die Clearstream Banking AG in Frankfurt, der zwei Aufgaben zufallen. Zum einen belastet sie das Konto des Emittenten mit dem Gesamtbetrag, der für die Rückzahlung aller von ihm ausgegebenen Zertifikate des fälligen Typs notwendig ist. Dieser Gesamtbetrag errechnet sich aus der Anzahl der verkauften Zertifikate multipliziert mit dem festgestellten Wert pro Stück. Dieses Geld wird von Clearstream dann auf die jeweiligen Depot führenden Banken aufgeteilt.
 

Dazu melden die Banken den Anspruch, der sich aus dem Bestand ihrer Kunden insgesamt ergibt, an Clearstream. Denn über brancheninterne Veröffentlichungen sind sie stets darüber informiert, dass ein Zertifikat fällig wird. Auf diese Weise ist das Frankfurter Unternehmen darüber im Bilde, wie viel der Summe beispielsweise an comdirect, Diraba oder Cortal Consors überwiesen werden muss.
 

Den Depot führenden Banken ist es dann schließlich vorbehalten, die Summe, die sie von Clearstream erhalten, aufzuteilen und die Anteile entsprechend den jeweiligen Ansprüchen auf die Konten ihrer Kunden zu überweisen. Diese Banken sind es, die die Information darüber haben, wem das Zertifikat gehört hat und wer daher nun die Rückzahlung erwartet.
 

Nicht immer erfolgt die Rückzahlung in einem Geldbetrag: Manche Zertifikate erlauben es dem Emittenten, den Zertifikate-Inhaber beispielsweise mit einer Lieferung der Aktie, auf die sich das Zertifikat bezogen hat, abzufinden. Der prinzipielle Weg über Clearstream ist dabei der gleiche.
 

Und noch etwas sollten Anleger beachten: Kurz vor Ende der Laufzeit, zwei oder drei Tage vor Fälligkeit, werden viele Zertifikate nicht mehr an der Börse gehandelt. Dann ist höchstens noch ein Direkthandel mit dem Emittenten möglich.
 

Der Auszahlungsmechanismus bei Fälligkeit verdeutlicht das wesentliche Charakteristikum eines Zertifikates: Ein Zertifikat ist eine Inhaberschuldverschreibung der emittierenden Bank. Bei Zahlungsschwierigkeiten oder einem Konkurs des Emittenten werden die Besitzer allenfalls aus der Insolvenzmasse bedient. Dieses Emittentenrisiko sollten sich Anleger stets bewusst machen und vor einem Investment das Rating der emittierenden Bank überprüfen.
 

Eine Inhaberschuldverschreibung ist außerdem nichts anderes als eine Urkunde, in der dem Inhaber der Urkunde eine Leistung versprochen wird. Und der Aussteller, bei Zertifikaten also die emittierende Bank, ist nur gegen Aushändigung der Schuldverschreibung zur Leistung verpflichtet. Deswegen also der Austausch der Positionen über eine neutrale Instanz – und der kann schon mal drei Tage lang dauern.
 



Eike Schäfer, 10.10.06 Dieser Artikel wurde 3155mal gelesen.