An dieser Stelle machen wir Sie in loser Reihenfolge mit den Grundtypen einiger Anlagezertifikate und mit weiteren Fachbegriffen aus der Welt der Finanzen vertraut. Das Thema heute: Risikostreuung

Es klingt wie eine Binsenweisheit - und beinhaltet dennoch eine der zentralen Empfehlungen für den Handel mit Wertpapieren: Wer alle Eier in einen Korb legt, muss damit rechnen, dass auch alle kaputt gehen, sollte der Korb runterfallen.

In der Praxis wird dies von den Anlegern offenbar gern mal außer Acht gelassen: Folgt man den Umfragen und Erhebungen der Banken, dann sind in den Depots deutscher Privatanleger vor allem heimische Werte zu finden, außerdem sind häufig einzelne Branchen wie etwa der Hightech-Sektor überrepräsentiert. Das Risiko ist dann entsprechend hoch – wie so mancher Anleger zuletzt beim Absturz der Kurse auf dem Neuen Markt hat erfahren müssen. Was also tun? Diversifikation heißt die Anwort.

Diversifikation, darunter versteht man eine Streuung des Risikos, die sich durch eine ausgewogene Mischung der Titel im Depot erreichen lässt. Die Mischung sollte dabei sowohl über verschiedene Anlageklassen, als auch innerhalb der Anlageklassen über verschiedene Werte erfolgen. Die entscheidende Erkenntnis: Das Risiko des gesamten Portfolios ist kleiner als das der jeweiligen Einzelwerte – sofern man Wertpapiere kombiniert, deren Kursverlauf nicht in Zusammenhang steht.

Der amerikanische Professor Harry Max Markowitz hat bereits in den 50er Jahren erforscht, wie Risiko und Rendite optimal miteinander verknüpft werden können. Seine Arbeit wurde 1990 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.

Ein kleines Beispiel macht den Grundgedanken der Diversifikation deutlich. Angenommen, ein Anle- ger hält zwei Zertifikate. Betrachtet werden zwei unterschiedliche Szenarien: Das Zertifikat A erwirtschaftet in Szenario 1 eine Rendite von 15 Prozent, in Szenario 2 verliert der Anleger mit demselben Zertifikat 4 Prozent des investierten Kapitals. Zertifikat B bringt es in Marktumfeld 1 auf ein Plus von 2 Prozent, in Szenario 2 beträgt die Rendite stattliche 11 Prozent.

Die Kurse der Zertifikate entwickeln sich in diesem Beispiel nicht in gleicher Weise – sie sind nicht vollständig miteinander korreliert. Welche Konsequenzen das für das Gesamtrisiko des Portfolios hat, zeigt sich im Folgenden.

Unterstellt man weiter, dass das Szenario 1 mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent eintritt, Szenario 2 dagegen mit 30 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit deutlich unwahrscheinlicher ist, lassen sich für beide Zertifikate die erwarteten Renditen angeben. Bei Zertifikat A beträgt die erwartete Rendite 0,7x15 + 0,3x(-4) = 9,3 Prozent. Für Zertifikat B ergibt sich entsprechend eine erwartete Rendite von 4,7 Prozent, für das gesamte Portfolio eine erwartete Rendite von (9,3+4,7) : 2 = 7 Prozent. In der Tabelle auf dieser Seite haben wir die Werte dieses Beispiels noch einmal für Sie zusammengefasst.

Ein Maß für das Risiko ist die Standardabweichung. Sie drückt aus, wie stark die Renditen um den Erwartungswert schwanken. Zertifikat A ist gekennzeichnet von zwei relativ extremen möglichen Renditen, daher sollte sich bei diesem Papier eine vergleichsweise große Standardabweichung ergeben. Eingesetzt in die übliche Formel ergibt sich ein Wert von 8,7 Prozent. Für Zertifikat B liegt das Risiko mit 4,1 Prozent erwartungsgemäß etwas niedriger. Neben der Tabelle ist der Rechenweg exemplarisch aufgeführt.

Das Risiko des gesamten Portfolios ist deutlich geringer als derMittelwert der beiden Einzelrisiken.Weil sich die Kurse der Zertifikate in den möglichen Marktszenarien unterschiedlich verhalten, ist es durch ihre Kombination gelungen, insgesamt das Risiko zu verringern. Mit anderen Worten: Die Schwankungen der beiden Papiere heben sich zum Teil gegenseitig auf. Mit lediglich 2,3 Prozent fällt das Risiko des gesamten Portfolios sogar noch viel kleiner aus als das der weniger riskanten Einzelanlage (Zertifikat B).

Das Ergebnis leuchtet ein: Salopp formuliert sollte selbst ein Verkäufer am Timmendorfer Strand nicht nur Sonnenbrillen im Sortiment haben, sondern auch Gummistiefel, um bei jedem Wetter Umsatz zu generie- ren.

Nobelpreisträger Markowitz hat in seinem theoretischen Modellrahmen für jedes Portfolio einen optimalen Punkt herausgefunden. Durch Umschichtungen zwischen den Anlagen gelingt es von dort aus nicht mehr, die Rendite weiter zu steigern, ohne ein erhöhtes Risiko in Kauf zu nehmen. Auch ist andersherum im Optimum die gleiche Rendite nicht mit einem geringeren Risiko darstellbar.

Markowitz Arbeit bildet die Grundlage moderner Portfolio-Theorien. Das Capital Asset Pricing Model (CAPM) beispielsweise geht der Fragestellung nach, welcher Teil des Gesamtrisikos nicht durch Diversifikation zu beseitigen ist und versucht zu erklären, wie risikobehaftete Anlagen bewertet werden.

Zugegeben: Die zugrunde liegenden Annahmen und der theoretische Modellrahmen machen es schwierig, Markowitz Optimierungsansatz exakt in die Praxis zu übertragen. Mit der Beschränkung auf Rendite und Risiko als zentrale Entscheidungsgrößen werden andere Faktoren wie beispielsweise der Ein- und Ausstiegszeitpunkt vernachlässigt. Zudem handelt es sich um einen statischen Ansatz und nicht um eine dynamische Betrachtungsweise. Dennoch ist Markowitz Botschaft zur Grundregel auf dem Finanzmarkt geworden. Rechnungen mit historischen Daten zeigen zum Beispiel, dass ein Portfolio aus Aktien und Rententiteln in der Vergangenheit besser abschnitt als eine Anlage in Rentenwerte allein, ohne jedoch das hohe Risiko einer reinen Aktienanlage in sich zu bergen.

Bei der Zusammenstellung eines Depots sollten Privatanleger sich ihrer Rendite- und Risikovorstellung bewusst sein. Notwenig für eine gute Streuung ist es, die Chancen und Risiken der verschiedenen Anlagen zu kennen. Einige Banken und Finanzdienstleister bieten ihren Kunden an, Portfolios hinsichtlich der Streuung zu überprüfen und Vorschläge für eine verbesserte Risikoaufteilung zu machen.

Die Anlageform der Zertifikate hat für Privatanleger die Möglichkeiten zur Diversifikation noch erweitert: Mit nur einem Papier lässt sich damit beispielsweise ein gesamter Markt oder ein kompletter regionaler Index abbilden. Außerdem gibt es mittlerweile Zertifikate nicht nur auf Aktien, Anleihen oder Rohstoffe, sondern auch auf Währungen, Fonds, Zinsdifferenzen – selbst auf das Wetter lässt sich setzten. Doch auch hier gilt: Nicht alle Eier in nur einen Korb…



Eike Schäfer, 26.09.06 Dieser Artikel wurde 3695mal gelesen.