Die Lage in Griechenland spitzt sich zu, Spanien hat Finanzhilfen aus dem Euro-Rettungsschirm beantragt, die Zukunft des Euro ist unsicherer denn je – und trotzdem liegt der Goldpreis mit 1600 US-Dollar je Feinunze weit unter dem Niveau vom September 2011. Warum das so ist, erklärt Michael Blumenroth, Edelmetallexperte bei der Deutschen Bank, im Interview. Er rechnet mit einem Comeback der Fluchtwährung schon im Herbst.

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© Deutsche Bank

Zertifikate-Anleger: Wird Gold von Investoren als sicherer Hafen nicht mehr so geschätzt?

Michael Blumenroth: Gold wird im Allgemeinen als sicherer Hafen geschätzt, aber in der Tat verwundert die eher niedrige Performance verglichen zum Beispiel mit deutschen oder schweizerischen Staatsanleihen. Gründe dafür liegen darin, dass das Thema Griechenland die Märkte ja schon seit zwei Jahren beschäftigt. Somit sind Anleger, die in Gold als vermeintlich sichern Hafen investieren, wohl schon seit einiger Zeit in Gold investiert. Des Weiteren ist zu beobachten, dass in Zeiten sehr stark ansteigender Unsicherheit häufig vermehrt Liquidität nachgefragt wird und Investments in vermeintlich risikoreichere Anlagen verkauft werden, und dass somit Geld vorübergehend auf kurzfristige, täglich liquidierbare Anlagen umgeschichtet wird. Festzuhalten ist aber auch, dass Gold häufig wie eine Währung gehandelt wird und unter US-Dollar-Stärke tendenziell leidet. Bemerkenswert ist, dass der Goldpreis in Euro ausgedrückt in der Nähe seiner Höchststände handelt. Weiterhin ist im Moment saisonal bedingt nur eine schwache physische Nachfrage zu beobachten. Insbesondere in Indien ist sie momentan sehr schwach, was mit der Verdoppelung von Einfuhrzöllen auf Gold zu begründen ist.

ZA: Lässt sich ein Ende der Korrekturphase absehen? Was spricht mittelfristig für einen Anstieg beim Goldpreis?

Blumenroth: Ja, mittelfristig erwarte ich und erwartet auch das Deutsche Bank Commodities Research ein Ende der Korrekturphase und wieder steigende Preise. Unser Research erwartet bis Ende dieses Jahres gar Kurse um die 2.000 US-Dollar je Feinunze. Zum einen ist der Herbst die Jahreszeit, in der weltweit der Höhepunkt der physischen Nachfrage zu beobachten ist. Zum anderen scheint Gold über dem 1.500 US-Dollar-Level gut unterstützt zu sein, bei Kursen um 1.520 US-Dollar je Unze war zuletzt regelmäßig starkes Kaufinteresse zu beobachten. Bei tieferen Kursen würden wir vermuten, dass Zentralbanken als Käufer auftreten werden. Des Weiteren sind spekulative Long-Positionen in der Korrekturphase wesentlich reduziert worden. Das ist ersichtlich an den statistischen Daten, die die Comex veröffentlicht. Das bedeutet, dass wesentlich weniger Positionen als Ende letzten Jahres oder im Februar dieses Jahres bestehen, und somit das Risiko, dass eine Welle von Stop Loss Verkäufen den Preis stark nach unten zieht, deutlich reduziert ist.
Wichtig ist außerdem, dass die Korrektur auch erfolgte, da die Erwartungen des Marktes bezüglich Quantitative Easing Teil 3 in den USA und Zinssenkungen in Euroland enttäuscht wurden. Viele Investoren hatten deswegen auf Gold gesetzt, da ein Umfeld, in dem Zentralbanken Liquidität quasi zum Nullzins bereitstellen, im Allgemeinen den Goldpreis ansteigen lässt. Gold zahlt keine Zinsen, bei Zinsen nahe Null entgeht dem Investor deswegen kein sicherer Zins. Und es könnte in Zukunft zu höheren Inflationsraten kommen, so dass Gold dann auch wieder als Inflationsschutz für die Zukunft interessant erscheint. Sowohl das Thema QE3, als auch Zinssenkungen der EZB oder flankierende, Liquidität spendende Maßnahmen dürften früher oder später wieder auf der Agenda stehen. Zumindest in den Köpfen der Anleger.

ZA: Großen Einfluss auf die Notierung haben die Zentralbanken, die über große Goldreserven verfügen und diese aufstocken oder Teile davon verkaufen können. Welches Verhalten der Zentralbanken beobachten Sie derzeit?

Blumenroth: Zentralbanken sind seit zwei Jahren und auch momentan eher auf der Käuferseite zu finden - was einen fundamentalen Unterschied zu den Jahren davor ausmacht. Grund ist die Diversifikation von Währungsreserven. Als Käufer sind aktuell Kasachstan, Russland und einige südamerikanische und südostasiatische Staaten aktiv. Der große Unbekannte ist China, da die Zentralbank über sehr große Devisenreserven verfügt und bis jetzt nur einen verschwindend geringen Teil in Gold angelegt hat. Einige Investoren vermuten, dass China und Japan zukünftig auch als Ankäufer von Gold auf Zentralbankseite zu beobachten sein werden, was den Goldmarkt stützen würde.

ZA: Wie hat sich die physische Nachfrage nach Gold in den Schwellenländern entwickelt?

Blumenroth:Die physische Nachfrage ist saisonal bedingt eher schwach. Dazu kommen die hohen Preise in lokalen Währungen, die ja in vielen Ländern, die Gold physisch nachfragen, immer noch in der Nähe der Höchststände sind. Generell ist die Schmucknachfrage zuletzt eher gesunken, auch in den Schwellenländern, und durch Investorennachfrage ersetzt oder kompensiert worden, zum Beispiel durch Exchange Traded Funds.

ZA: Die Schwäche des Euro hat für europäische Anleger Verluste beim Gold, das an den Rohstoffbörsen in US-Dollar gehandelt wird, etwas abgemildert. Halten Sie Währungssicherungen, wie sie Zertifikate auf Gold bieten, in der gegenwärtigen Situation für sinnvoll?

Blumenroth:Währungssicherung bei Gold - eine gute Frage. Ich bin im Moment etwas unsicher, was die Entwicklung des Euro angeht, vermute aber, dass Gold gegen US-Dollar im Verlaufe des Jahres besser ‚performen‘ wird als Gold gegen Euro. In diesem Fall würden währungsgesicherte (Quanto-) Zertifikate definitiv Sinn machen. Im Endeffekt muss sich aber der Investor selbst eine Meinung bilden. Erwartet er weiteres Ungemach für den Euro, dann fährt er mit nicht währungsgesicherten Zertifikaten besser, weil der Euro dann wohl sinken und damit Gold in Euro ceteris paribus teurer werden wird. Ist der Investor aber eher zuversichtlich für Gold und meint, im Europreis wäre jetzt schon alles Übel eingepreist, dann machen Quantozertifikate mehr Sinn. Da Gold auf dem Weltmarkt fast ausschließlich gegen US-Dollar gehandelt wird, hat sich über längere Zeiträume bis jetzt meist die Währungssicherung als vorteilhaft erwiesen.

ZA: Welche Risiken gibt es generell bei Investments in Gold?

Blumenroth: Risiken im Gold sind, dass diese Anlage keine laufenden Erträge bringt wie Zinsen oder Dividenden, und somit Gold eine Versicherungsprämie ist für einen Fall, bei dem die meisten Investoren hoffen, dass er nie eintritt. Wobei Gold die letzten zwölf Jahren ein sehr gutes Investment war. Und dass Preisbewegungen auf dem Goldmarkt häufig erheblich heftiger ausfallen als auf anderen Märkten. Somit kann es passieren, dass zum Beispiel Investoren, die nahe Stop Loss Levels gesetzt haben, sehr frühzeitig Positionen schließen, die auf längere Sicht profitabel gewesen wären. Ebenso darf man nicht vergessen, dass viele Investoren, die lange Jahre nicht auf Rohstoffmärkten aktiv waren, nun im Goldhandel aktiv sind, was zu herdentriebartigem Verhalten, überzeichneten Preisbewegungen und in Phasen, in denen Investoren Liquidität suchen, zu fallenden Preisen führen kann, wiewohl eigentlich eher steigende Preise rationaler erschienen.

ZA: Sind die Aktien von Goldminenbetreibern für private Anleger eine Alternative?

Blumenroth: Goldminenaktien überzeichnen oft die Bewegungen des Goldpreises selbst, sie hebeln quasi den Preis. Grund ist, dass die Goldminen hohe fixe Kosten haben, und nur zu geringerem Teil variable. Jeder US-Dollar, den das Gold selbst steigt, kann also je nachdem, wie hoch die fixen Kosten sind, einen unterschiedlichen Gewinn bei unterschiedlichen Minengesellschaften bedeuten. Häufig fallen die Preisbewegungen bei Minenaktien volatiler aus als beim Gold selbst, so dass diese eher etwas für spekulativ orientierte Anleger sind. Diese müssten sich dann auch genau über die jeweilige Gesellschaft informieren. Zum Beispiel darüber, ob diese ihre Produktion im Voraus verkauft, was bedeuten würde, dass sie nicht vollständig von Goldpreissteigerungen profitiert, wie hoch die vermuteten Reserven sind, die Kosten, zu denen diese gefördert werden, und so weiter. Also sind diese Aktien generell eher etwas für den informierten und spekulativ orientierten Anleger.



Eike Schäfer, 12.06.12 Dieser Artikel wurde 1307193mal gelesen.