Die Apple-Aktie hat an der Börse wieder den Turbo gezündet: Nachdem die Geschworenen eines Gerichtes in Kalifornien dem Konzern im Patentsreit mit Samsung in weiten Teilen Recht zusprachen, verteuerte sich das Papier zwischenzeitlich auf 680 US-Dollar. Kurz vor der erwarteten Einführung des neuen iPhone war die Aktie damit so teuer wie nie zuvor. Analyst Marco Günther von der Hamburger Sparkasse sieht für die Konkurrenz den Druck zu eigenen Innovation erhöht. Wir sprachen mit ihm über die Folgen des Gerichtsentscheids.

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© ymgerman/istockphoto.com
Das Geschworenengericht in Kalifornien hat Apple im Patentstreit mit Samsung zu weiten Teilen Recht gegeben. Welche Auswirkungen hat das Urteil Ihrer Ansicht nach auf den Smartphone- und Tabletmarkt?
 
Marco Günther: Die Auswirkungen auf die beiden prosperierenden Märkte halte ich für sehr begrenzt. Beiden Segmenten wird gemäß den führenden Marktforschungsinstituten ein nachhaltiges prozentual zweistelliges Wachstums zugetraut. Juristische Auseinandersetzungen werden den Expansions- trend nicht zügeln, aber eine permanente Begleiterscheinung sein. Vielmehr erhöht sich darüber der Druck, die Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen.
 
Rund 1,05 Milliarden US-Dollar Schadenersatz soll Samsung an Apple zahlen. Bei einem operativen Gewinn von mehr als vier Milliarden US-Dollar, den Samsung allein im vierten Quartal 2011 erzielte, scheint die Summe verkraftbar. Worin liegt der wesentliche Aspekt dieser gerichtlichen Entscheidung?
 
Günther: Der monetäre Aspekt ist in diesem Kontext vernachlässigbar. Für Apple ist das Gerichtsurteil eine Zwischenetappe in dem fortdauernden Patentkrieg mit dem größten Konkurrenten. Dabei muss die Entscheidung in den USA keine zwingende Signalwirkung für gerichtliche Auseinandersetzungen in anderen Ländern haben. In Japan hat Apple beispielsweise gegen Samsung gerade den Kürzeren gezogen. Unter dem Strich würde ich aus der psychologischen Perspektive den negativen Image- bzw. Marketing-Effekt höher hängen als den konkreten Einfluss auf die operative Geschäftsentwicklung.
 
Inwieweit trifft Apple mit seinem juristischen Feldzug auch den Google-Konzern?
 
Günther: Da sich einige Patentrechtsverstöße auch auf Softwareinhalte beziehen, zielt das Gerichtsurteil mittelbar auch auf den Google-Konzern und sein Betriebssystem Android. Der übergeordnete Konkurrenzkampf mit dem weltweit führenden Betriebssystem von Google dürfte in den kommenden Jahren die Hauptrolle auf der Technologie- Bühne einnehmen. Apple forciert seit einigen Monaten den geringeren Einsatz von Google-Produkten in deneigenen Geräten. Zum Beispiel werden neue Smartphones nicht länger automatisch mit einer Verbindung zu der Google-eigenen Video-Plattform YouTube ausgestattet.
 
Könnte es langfristig für Apple nachteilig sein, wenn Konkurrenten aufgrund des Urteils stärker zu eigenen Innovationen in Technik und Design gezwungen werden?
 
Günther: Der Druck zu eigenen Innovationen wird durch den Platzhirschen Apple sicherlich erhöht. Gleichwohl ist es den Kaliforniern bis dato immer frühzeitig gelungen, Trends in Bezug auf Technik aber vor allem Design zu setzen. Aufgrund der treuen Gefolgschaft wird es auf kurze Sicht schwer, Apple den Status streitig zu machen.
 
In wenigen Tagen erwartet die Fangemeinde die Vorstellung des neuen iPhones, dessen millionenfacher Absatz vorhersehbar ist. Wie wichtig ist es für Apple, dass das neue Modell technisch und emotional überzeugt?
 
Günther: Die Treue der Fangemeinde ist von sehr stabiler Natur. Insofern ist es natürlich immer wichtig, dass ein neues Produkt sowohl technisch als auch emotional überzeugt - bei Apple ist allerdings weniger Überzeugungskraft nötig als bei Konkurrenten.
 
Bei Tablets ist die Konkurrenz für Apple durch Google und Microsoft größer geworden. Wie wird Apple darauf reagieren?
 
Günther: Bisher kann Apple seinen Marktanteil bei den Tablets nicht nur verteidigen, sondern zuletzt sogar wieder leicht ausbauen. Dauerhaft ist ein globaler Marktanteil von rund zwei Drittel sicherlich nicht haltbar, gleichwohl bleiben die Ertragschancen in dem sehr expansionsstarken Segment für die Kalifornier exzellent. Ferner wird seit geraumer Zeit über die Einführung einer kleineren, kostengünstigeren Variante, eines iPad mini, spekuliert, die eine weitere Käuferschicht anziehen könnte.
 
Die Apple-Aktie stieg nach dem Urteil zwischenzeitlich auf das Allzeithoch von 680 US-Dollar. Sehen Sie noch Steigerungspotenzial?
 
Günther: Unter fundamentalen Gesichtspunkten ist die Aktie keineswegs teuer. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund der gesamtwirtschaftlichen Unwägbarkeiten erscheint ein Investment in eine derart starke Marke nach wie vor als sehr attraktiv.   
 
 
Android weiter auf dem Vormarsch
 
Marktanteile bei den Smartphone-Betriebssystemen im August 2012:
 
In den acht Ländern USA, Brasilien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Spanien und Australien laufen mehr als 60 Prozent der Smartphones mit Android. Google baute mit seinem Betriebssystem die Marktführerschaft im Vergleich zum August 2011 (Werte in Klammern) um neun Prozentpunkte aus. Apple erreicht im Heimatmarkt USA mit 35 Prozent einen deutlich höheren Marktanteil. In Deutschland (72,2%) und Spanien (86,8%) ist Android dominant und erzielte binnen Jahresfrist Zuwächse von mehr als 20 Prozent.


Eike Schäfer, 04.09.12 Dieser Artikel wurde 56251mal gelesen.