Öl und Gold bleiben in der Gunst der Anleger weiter ganz oben. Nach neuester Erhebung der Citigroup hat sich die Stimung unter den Investoren bezüglich dieser Basiswerte ebenso wie bei europäischen Aktien deutlich verbessert. Im Gespräch nimmt Dirk Heß, Co-Leiter des europäischen Warrants- und Zertifikatevertriebs bei der Citigroup, zur aktuellen Situation auf diesen Märkten Stellung - und zu möglichen Versäumnissen der Zertifikatebranche.

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© Citigroup
Nach Ihrer neuesten Erhebung hat sich die Stimmung bei den Anlegern in den vergangenen drei Monaten deutlich verbessert. Überrascht Sie das Ergebnis?
 
Dirk Heß: Ehrlich gesagt ja. Wir hätten nicht gedacht, dass die Anleger so schnell von Pessimismus auf Optimismus umschalten. Doch die Entwicklung an den Märkten scheint sowohl die Privatanleger als auch die professionellen Marktteilnehmer, die ja im Citi- nvestmentbarometer miteinander vergleichen werden, auf dem falschen Fuß erwischt zu haben.
 
Schaut man auf das Investmentverhalten, folgten Privatanleger auf dem Aktienmarkt dennoch zuletzt überwiegend der Devise: Augen zu und durch. Ist Halten derzeit eine clevere Strategie?
 
Heß: Rückblickend ist Halten in gar nicht so wenigen Fällen ein guter Ratgeber. Zumindest besser, als blinder Aktionismus, der Anleger meist teuer zu stehen kommt. Am besten ist es in unsicheren Zeiten, wenn Anleger sinnvolle Absicherungsgeschäfte mit Turbos oder Optionsscheinen vornehmen, anstatt ständig das eigene Depot umzustrukturieren.
 
Eine große Mehrheit der Privatanleger stuft Zertifikate auf Aktienindizes und Einzelaktien als interessant oder sogar sehr interessant ein. Fragt man aber nach den präferierten Anlageinstrumenten für den Aktienmarkt, dann dominiert noch immer klar das Direktinvestment. Dabei gibt es Zertifikate doch für alle Marktphasen. Was macht die Derivatebranche falsch?
 
Heß: Wir müssen uns noch mehr für Aufklärung einsetzen. Es gibt tatsächlich passende Zertifikate für die verschiedensten Anlagestrategien und Marktsituationen. Es ist schade, wenn Anleger mangels Information über diese Möglichkeiten Rendite verschenken.
 
Sie befragen vierteljährlich sowohl Privatanleger als auch institutionelle Investoren. Während professionelle Marktteilnehmer Zertifikate vornehmlich für einen langfristigen Vermögensaufbau nutzen, spielt ausgerechnet bei Privatanlegern die kurzfristige Spekulation eine viel größere Rolle. Wie lässt sich dieser Hang zum Zocken erklären?
 
Heß: Kurzfristige Spekulation muss nicht sofort „Zocken“ bedeuten. Es gibt in Deutschland zum einen mehr und mehr Privatanleger, die kurzfristig Hebelpapiere kaufen, um ihre Depots abzusichern. Hier wird ganz bewussteine Art „Versicherungsprämie“ in Kauf genommen. Auch ein gezielter spekulativer Kauf mit klarem Risikomanagement ist keine Zockerei. Die Selbstentscheider professionalisieren sich zunehmend und agieren zu einem erheblichen Teil wohlüberlegt. Zum anderen sind Privatanleger weniger Regularien unterworfen und nur sich selbst Rechenschaft schuldig. So haben sie die Freiheit, die Geschäfte tätigen zu können, die ihnen aus Marktsicht am sinnvollsten erscheinen.
 
Bei den Rohstoffen sind Öl und Gold beliebte Basiswerte. Im Sommer schien es,  als sei bei der Goldspekulation ein wenig die Luft raus. Zuletzt zog der Preis aber wieder an. Kommen Spekulationskäufer jetzt schon zu spät?
 
Heß: Dem starken Momentum nach, das die Goldstimmung im Citi-Investmentbarometer in den letzten beiden Umfragen entwickelt hat, sehen die Anleger eine weitere Aufwärtsbewegung kommen. Dies als einzigen Grund für spekulative Käufe heranzuziehen, wäre aber zu gewagt, da die Teilnehmer des Sentiments ab und an auch daneben lagen. Fundamental betrachtet könnten das weiterhin hohe Krisenpotenzial und die hohe Unsicherheit den Goldpreis stabilisieren und durchaus noch Auftrieb geben. Die Analysten der Citi prognostizieren derzeit für das erste Quartal 2013 einen Durchschnittspreis für Gold von 1790 US-Dollar pro Feinunze.
 
In welcher Situation befindet sich der Markt für Rohöl?
 
Heß: Auch wenn das Sentiment für Öl im Citi-Investmentbarometer recht positiv ist. Bei einem Preis über 100 US-Dollar je Barrel Brent Öl stehen die Anleger diesem mit einer gesunden Portion Skepsis gegenüber. Aktuell gibt es zwar eine Backwardation-Situation, also den Zustand, dass die Öl- utures mit längerer Laufzeit günstiger als die mit kürzerer Laufzeit sind. Dies mag zwar verlockend für Zertifikateanleger sein, die auf Rollgewinne setzen möchten, sollte aber alleine kein Argument für ein Ölinvestment darstellen.
 
Zahlreiche Institute korrigieren derzeit ihre Wachstumsprognosen für Deutschland und für die Weltwirtschaft nach unten. Wie können Privatanleger ihr Portfolio absichern? Geht das nur mit Optionsscheinen?
 
Heß: Optionsscheine sind sicher die Königsklasse und gut für Hedging geeignet. Doch ein Absicherungsgeschäft hilft wenig, wenn der Anleger es nicht gänzlich versteht und damit unter Umständen nicht richtig umsetzt. Anleger, die vor der Komplexität von Optionsscheinen zurückschrecken, sollten einmal über den Einsatz von Turbo-Zertifikaten nachdenken. Diese sind ebenfalls geeignet und sind gleichzeitig einfacher zu verstehen.
 
In Deutschland werden heute mehr als eine Million verschiedene Derivate für Privatanleger angeboten - so viele wie nie zuvor. Ist der Markt transparent genug? Wie finden sich Anleger im Dschungel der Produkte zurecht?
 
Heß: Mit der zunehmenden Produktvielfalt stehen dem Anleger natürlich auch entsprechend mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Transparenz und Orientierung wird nicht zuletzt durch Bereitstellung von Produktinformationsblättern, oder Internetlösungen mit ausgeklügelten Suchfunktionen gewährleistet. Unsere Website beispielsweise steckt voller zusätzlicher Informationen und Anwendungen, die nicht nur bei der Produktauswahl, sondern auch bei der Chartanalyse und den Anlageentscheidungen hilfreiche Unterstützung bieten. Mit dem Chartanalyse-Werkzeug können Anleger auf ständig neue Analysen von Einzelwerten zurückgreifen und diese in ihre Entscheidungsfindung mit einbeziehen. 


Eike Schäfer, 16.10.12 Dieser Artikel wurde 6424mal gelesen.